Geiselnahme als Beginn einer innigen Hassliebe

Martin Schwickert

Von Martin Schwickert

Do, 14. Februar 2019

Kino

GANGSTERKOMÖDIE: "Sweethearts" von Karoline Herfurth.

Wie es Til Schweiger, Matthias Schweighöfer und Florian David Fitz vorgemacht hatten, nutzte vor zwei Jahren auch die 1984 in Ostberlin geborene Schauspielerin Karoline Herfurth ("Im Winter ein Jahr", "Vincent will Meer", "Wir sind die Nacht", "Zettl", "Fack ju Göhte") ihre Popularität, um ins Regiefach zu wechseln. Filmemacherinnen, die sich an Mainstream-Formate heranwagen, sind im deutschen Kino immer noch eine Seltenheit. Aber mit der gut funktionierenden, romantischen Komödie "SMS für dich" gelang Herfurth aus dem Stand heraus ein solider Publikumserfolg. Auf dieses bewährte Genre wollte sie sich allerdings nicht festlegen lassen und setzt nun mit "Sweethearts" ein weibliches Buddy-Movie in Szene, das Komödie und großes Drama gleichermaßen auslotet.

Karoline Herfurth spielt selbst die gründlich neurotische und desorientierte Franny, die von menschlicher Nähe schnell überfordert ist und zu akuten Panikattacken neigt. Ihr gegenüber steht Hannah Herzsprung in der Rolle der beinharten Ganovenbraut Mel, die gerade einen Juwelier überfallen hat. Alle auf dem Platz ducken sich weg, als Mel mit ihrer Waffe auf den Wachmann zielt. Nur die verpeilte Franny, die mit ihrem zerbrochenen Handy beschäftigt ist, steht auf und begibt sich direkt in die Schusslinie. Es ist der Beginn einer Geiselnahme und einer langen, tiefen Hassliebe zwischen den beiden Frauen.

Eine Geisel wie Franny wünscht man nicht einmal seinem schlimmsten Feind an den Hals. Eine Panikattacke nach der anderen bricht über sie herein – und dass ihre Entführerin sie mit vorgehaltener Waffe zum Schweigen bringen will, ist aus therapeutischer Sicht wenig hilfreich. Herfurth spielt Panik nicht als komödiantisches Gimmick, sondern als kompromissloses Gefühl, das alle Vernunft aushebelt und enorme Kräfte freisetzt. Es ist nicht gerade einfach für eine Entführerin, eine Frau wie Franny in den Kofferraum zu stecken.

"Sweethearts" bedient sich der klassischen Rezeptur zweier vollkommen konträrer Charaktere, die eine unfreiwillige Allianz schließen müssen, und generiert daraus maximalen komödiantischen, aber auch einigen dramatischen Output. Mel ist nicht nur eine coole Ganovin, sondern auch Mutter einer kleinen Tochter, mit der sie durch den letzten Coup dem kriminellen Milieu zu entfliehen versucht. Franny wiederum lernt die Waffen einer Nervensäge auf der Flucht vor Gangstern und Polizei gewinnbringend einzusetzen.

Amouröse Verwicklungen und unterhaltsamer Zündstoff

Zwischen Verfolgungsjagden und Plot-Schlenkern nimmt sich Herfurth immer wieder Zeit, die sich entwickelnde Freundschaft zwischen den beiden Frauen zu vertiefen. In der Rolle der ermittelnden Kommissarin ist mit Anneke Kim Sarnau eine weitere Vollblutschauspielerin mit an Bord. Für amouröse Verwicklungen mit der Geisel darf Frederick Lau als Ordnungshüter sorgen. Aber der romantische Erzählstrang wird nur auf einem Nebengleis gefahren. Im Fokus bleibt die Beziehung der beiden weiblichen Hauptfiguren, und die bietet eine Menge unterhaltsamen Zündstoff.

"Sweethearts" (Regie: Karoline Herfurth) läuft flächendeckend. Ab 12.