Gesundheits-Apps

Health-Apps machen das Smartphone zum Gesundheitsberater

Juliette Irmer

Von Juliette Irmer

Mo, 17. Oktober 2016

Gesundheit & Ernährung

Schrittzähler, Kalorienrechner, Pillenrechner: Das Smartphone wird zum Gesundheitsberater /.

Gesundheits-Apps erreichen uns überall, rund um die Uhr. Sie berechnen Promille, Kalorien, fruchtbare Tage, erinnern an Medikamente, zeichnen Joggingstrecken auf, halten Blutdruck, Zuckerspiegel und Gewicht fest. Alleine in den beiden großen App-Stores stehen in den Kategorien "Gesundheit & Fitness" und "Medizin" mittlerweile rund 100 000 dieser kleinen Helfer zur Auswahl. Dem sogenannten Self-Tracking, also dem Protokollieren von Körperdaten und Aktivitäten, kommt dabei eine besondere Rolle zu: "Was man messen kann, kann man auch steuern. Das ist für viele Nutzer eine Motivation, Health-Apps zu nutzen, und eine Erklärung für
die große Beliebtheit", sagt Ursula Kramer, Pharmakologin und Gründerin von Health-On, einer Informations- und Bewertungsplattform für Gesundheits-Apps. Wer gesünder isst und mehr Sport treibt, den belohnt eine sinkende Gewichtskurve. Und wer erkennt, dass der Blutdruck bei Stress durch die Decke schießt, der ändert womöglich seinen Lebensstil.

Experten sind überzeugt, dass das Potential von Gesundheits-Apps enorm ist. "Apps könnten dabei helfen, das Gesundheitssystem umzubauen: Weg vom behandelnden Ansatz, hin zur Vorbeugung. Das wäre ein Riesenschritt, wenn man bedenkt, wie sehr Industrienationen mit lebensstilbedingten Volkskrankheiten wie Diabetes belastet sind", sagt Kramer.

Allerdings ist die Wirksamkeit von Apps bislang kaum erforscht. Erste Ergebnisse weisen darauf hin, dass sie sich positiv auf die Gewichtskontrolle auswirken und Nutzer zu mehr Bewegung anregen. Auch die Wirksamkeit von Anti-Raucher-Apps und sogenannten Mental-Apps – digitale Selbsthilfeprogramme für psychische Erkrankungen wie Depression und Angststörungen – werden gerade in Langzeitstudien erforscht. "Der Krankheitsverlauf einer Depression zum Beispiel lässt sich damit gut kontrollieren", sagt Peter Klimek vom Institut für Wissenschaft komplexer Systeme an der Med-Uni Wien. Indem Patienten täglich einen standardisierten Fragebogen per App ausfüllen, lässt sich erkennen, ob es dem Patienten besser oder schlechter geht, so dass der Arzt die Therapie entsprechend anpassen kann.

Die meisten Apps versprechen allerdings mehr, als sie halten können: So lässt die Genauigkeit der meisten Zyklus-Apps zu wünschen übrig. Das ergab eine amerikanische Studie, die untersucht hatte, wie zuverlässig solche Apps die fruchtbaren Tage einer Frau berechnen. Auch die Studie "Chancen und Risiken von Gesundheits-Apps – Charisma", die vom deutschen Bundesgesundheitsministerium in Auftrag gegeben worden ist, kam im April zu dem Schluss, dass der Nutzen vieler Gesundheits-Apps begrenzt ist: Die Versprechungen sind groß, die Anwendung oft unzuverlässig.

Geht es um die Anzahl der Schritte pro Tag, kann man das noch hinnehmen. Was aber, wenn die Insulindosis für einen Diabetiker zu hoch berechnet wird? Oder ein bösartiges Melanom als ungefährlich eingestuft wird? Gesundheits-Apps müssen verlässlich arbeiten und mit Bedacht ausgesucht werden – doch genau das ist der Knackpunkt: Woher weiß man, welche App vertrauenswürdig ist?

Bislang sind Verbraucher bei der App-Auswahl auf sich selbst gestellt. "Empfehlungen von Ärzten sind eher die Ausnahme, denn auch sie kämpfen mit der großen Intransparenz", sagt die Pharmakologin Ursula Kramer. Unabhängige Prüfstellen oder Leitlinien, an denen sich Ärzte und Verbraucher orientieren könnten, existieren nicht. Nutzer orientieren sich momentan an den Rezensionen anderer und an Downloadzahlen.

So werden die Stimmen derer, die Qualitätsstandards und Zertifizierungen fordern, lauter. Beispielsweise wird darüber nachgedacht, Gesundheits-Apps als Medizinprodukt zuzulassen. Ärzte könnten diese dann verschreiben, Verbraucher wüssten, dass es sich um eine seriöse App handelt. Doch nicht jeder stimmt dem Ruf nach staatlicher Regulierung zu: "Auf einem globalisierten Marktplatz greifen nationale Regelungen nicht", sagt Klimek, der zudem befürchtet, dass durch strenge Auflagen Wettbewerbsnachteile entstehen könnten. "Momentan herrscht Verunsicherung bei den Entwicklern. Keiner weiß, wo die Grenze liegt zwischen Medizinprodukt und Wellness-App."

Auch beim Thema Datenschutz muss noch nachgebessert werden, denn von Transparenz fehlt oft jede Spur: Nur 20 Prozent der Apps bieten eine Datenschutzerklärung an, nur ein Drittel der App-Anbieter gibt sich mit einem Impressum eindeutig zu erkennen, ergab 2015 eine Studie aus Freiburg, an der Ursula Kramer beteiligt war. "Wo und wie Daten gespeichert werden, wer die Daten in welchem Umfang und wofür nutzt, bleibt damit völlig im Dunkeln", sagt Kramer.

Eines ist sicher: Health-Apps produzieren wertvolle Daten. Richtig genutzt, eigenen sie sich auch zu Forschungszwecken. Aus der Vielzahl an gesammelten Gesundheitsdaten lassen sich etwa Schlüsse ziehen über den Zusammenhang von Krankheiten und Umweltfaktoren. "Sowohl Google als auch Apple haben speziell für klinische Studien Lösungen entwickelt, ResearchKit oder Google StudyKit, um Daten aus Apps und Wearables zuverlässiger verarbeiten zu können. Die ersten Unternehmen arbeiten bereits damit", sagt Kramer.

Bleibt die Frage, wie man die Entwicklung verlässlicher Apps fördern kann. "Man muss die Anbieter stärker in die Verantwortung nehmen", ist Kramer überzeugt. Hersteller sollten über qualitäts- und sicherheitsrelevante Aspekte von sich aus aufklären. Anhand bestimmter Symbole sollte das für den Nutzer auf einen Blick erkennbar sein. Kramer nutzt dieses Prinzip zur Bewertung von Gesundheits-Apps auf Health-On: "Wer umfassend aufklärt, hat dann einen Vorteil."