Keimschleuder Krankenhaus

Freiburger Forscher zeigen, wie sich resistente Bakterien verbreiten

Katharina Meyer

Von Katharina Meyer

Do, 01. August 2019 um 17:51 Uhr

Gesundheit & Ernährung

Die Tiermast ist wohl doch nicht schuld: Antibiotikaresistente Bakterien verbreiten sich einer Freiburger Studie zufolge vor allem über Kliniken und deren Versorgungsnetzwerke.

Die Schweinemast und die Hühnerfarmen, aber auch die Antibiotika im Abwasser – sie werden häufig als Schuldige genannt, wenn es um die zunehmende Verbreitung von antibiotikaresistenten Bakterien geht, die dann als Krankenhauskeime kaum mehr behandelbare Infektionen auslösen. "Das stimmt so nicht", meint Hajo Grundmann, Leiter der Infektionsprävention und Krankenhaushygiene am Uniklinikum Freiburg: Den entscheidenden Beitrag zur Verbreitung der gefährlichen "extrem resistenten Bakterien" lieferten die Krankenhäuser nämlich selbst.

Klebsiella pneumoniae – ein extrem gefährlicher Keim

Das ist das Ergebnis einer aufwendigen Studie, die jetzt im Fachmagazin Nature Microbiology veröffentlicht wurde. Grundmann hat dafür mit einer internationalen Forschergruppe sechs Monate lang in 455 Krankenhäusern in 36 europäischen Ländern Proben gesammelt. Schließlich wurde die Erbinformation von 1700 Bakterienstämmen der Spezies Klebsiella pneumoniae entziffert – und diese auf ihre Verwandtschaft hin untersucht. Klebsiella pneumoniae ist ein weit verbreitetes Stäbchenbakterium, das unter anderem in der Darmflora vorkommt. Doch entwickelt es auch schnell Mehrfachresistenzen und kann sogar zu einem "extrem resistenten Bakterium" werden: Laut Definition ein Keim, gegen den fast alle üblichen Antibiotika wirkungslos sind. "Extrem resistente Enterobakterien wie Klebsiella pneumoniae stehen mittlerweile auf der Weltrangliste der gefährlichen Keime der WHO auf Platz eins", erklärt Grundmann die Wahl seiner Studiengruppe. Laut europäischer Gesundheitsbehörde ECDC breiteten sie sich in Europa schneller aus als alle anderen resistenten Erreger.

"Sie können unbesorgt im Mittelmeer schwimmen oder Hühnchen vom Discounter essen, und es wird ihnen nichts passieren." Hajo Grundmann
Man behandele diese Infektionen mit Antibiotika wie Colistin, so Grundmann, das in den 50er Jahren entwickelt, aber kaum eingesetzt wurde – unter anderem wegen starker Nebenwirkungen. Die extrem resistenten Enterobakterien stammen Grundmann zufolge nicht aus der Umwelt: "Sie können unbesorgt im Mittelmeer schwimmen oder Hühnchen vom Discounter essen, und es wird ihnen nichts passieren." Es gebe in Europa außerhalb der Krankenhäuser keine nennenswerten Reservoire für die von seiner Studiengruppe untersuchten Keime. Natürlich seien Antibiotikaresistenzen in der Massentierhaltung ein Problem, "allerdings sind diese zwei Universen doch noch ziemlich getrennt", so Grundmann. Die extrem resistenten Bakterien verbreiten sich Grundmann zufolge in erster Linie durch den Antibiotikaeinsatz in den Kliniken.

Die Bakterien würden zunächst zwischen Patienten innerhalb der Krankenhäuser übertragen – und dann innerhalb des regionalen Versorgungsnetzwerks der Kliniken: Überwiegend in Einrichtungen im Radius von 100 Kilometern, die Patienten hin- und her überweisen, etwa zur Nachsorge.

Handlungsbedarf im Bereich der Krankenhaushygiene

Grundmanns Vorschlag: "Wenn wir herausfinden, welche Kliniken die beste Vernetzung haben, also die Einrichtungen herausfinden, in denen sich die Versorgungspfade der meisten Patienten kreuzen, können wir dort gezielter Hygienemaßnahmen umsetzen." Er empfiehlt Kliniken außerdem eine Risikoerfassung bei der Aufnahme von Patienten. So werde die Widerstandskraft des gesamten Systems erhöht, so Grundmann.

Ernst Tabori, Ärztlicher Direktor des in Freiburg ansässigen Deutschen Beratungszentrums für Hygiene, bescheinigt der Studie eine hohe Qualität. Auch er betont die Wichtigkeit einer gründlichen Anamnese, um Risikopatienten isolieren zu können: Patienten sollten nach Auslandsaufenthalten und Krankenhausaufenthalten gefragt werden, ebenso nach einer früheren Infektion mit multiresistenten Erregern. "Das ist eine Empfehlung, die wir ständig wiederholen", so Tabori. Die Studie zeige, dass man im Bereich der Krankenhaushygiene noch mehr tun sollte. Die wesentliche Botschaft aber sei, dass mit Hilfe einer guten Krankenhaushygiene die Verbreitung hochresistenter Erreger erfolgreich kontrolliert werden könne.