"Großes, prekäres Glück"

Alexander Dick

Von Alexander Dick

Di, 21. Mai 2019

Klassik

BZ-INTERVIEW: Rüdiger Nolte über die Familie Mendelssohn.

"Was Schöneres ist mir nie vorgekommen", notierte Felix Mendelssohn Bartholdy 1837 in sein Tagebuch, als er Freiburg auf seiner Hochzeitsreise besuchte: ein großer deutscher Komponist aus einer großen – jüdischen – Familie, ein komplexes Thema. Rüdiger Nolte referiert darüber am 23. Mai an der Freiburger Uni. Alexander Dick befragte ihn dazu.

BZ: Herr Nolte, Ihr Vortrag über die Familie Mendelssohn trägt den Untertitel "Über das prekäre Glück einer privilegierten Familie"? Weshalb prekär?
Nolte: Weder der Reichtum der Mendelssohns noch ihre Intelligenz und auch nicht ihre erstaunliche Vernetztheit konnten die Mitglieder der Familie vor Verfemung bis hin zur Verfolgung schützen. Deshalb war ihr nachweislich großes Glück gleichzeitig stets prekär. Darüber spreche ich in meinem Vortrag.
BZ: Felix Mendelssohns Musik wurde bis in das späte 20. Jahrhundert hinein als "zu glatt", "ohne Tiefe" diffamiert. Ist das allein dem Antisemitismus geschuldet?
Nolte: "Ohne Tiefe": Das ist fast ein Zitat aus Wagners Schrift "Das Judentum in der Musik". Nach Wagner sind Juden nicht fähig zur Tiefe und zwar, weil sie Juden sind. Der Vorwurf mangelnder Tiefe hatte nachhaltige Wirkung. Insofern ist diese auch heute noch zu hörende Meinung – unabhängig von allen möglichen Begründungen – antijüdisch bzw. generell ausgrenzend.
BZ: Die Geschwister Felix und Fanny Mendelssohn hatten ein sehr inniges Verhältnis. Welchen Rang hat für Sie Fannys Musik?
Nolte: Manche sagen, dass Fannys Verbot, öffentlich aufzutreten, Freiräume für ihr oft unkonventionelles Komponieren geschaffen hat. Neben der Möglichkeit dieser Betrachtung ist festzustellen, dass ihr Œuvre wegen dieses Verbots notwendig eingeschränkt ist. Dass ihr Klaviertrio eine anerkannt hervorragende Komposition darstellt, auch ihr Quartett und viele ihrer Lieder, ist jedoch Konsens. Schon 1847, anlässlich ihres Todes, wurde ihr Können von dem englischen Musikkritiker Henry Chorley hoch gelobt. Und auf alle Fälle bietet ihr Werk keinen Anlass, herablassend oder gar begütigend über sie zu urteilen. Leider ist die Bedeutung dieser außergewöhnlichen Frau noch immer zu wenig anerkannt.
BZ: Obwohl Felix Mendelssohn auf seiner Hochzeitsreise Station in Freiburg machte und von der Stadt schwärmte, hat diese ihm noch immer keinen Straßennamen gewidmet. Nur eine Achtlosigkeit?
Nolte: Achtlos war es sicherlich nicht, dass die Nazis in dem von ihnen veranlassten Freiburger Komponistenviertel in Herdern keine Mendelssohnstraße vorgesehen hatten. Seit 1945 sind nun aber auch schon einige Jahre vergangen, die Chance geboten hätten, darüber nachzudenken. So viele Weltklasse-Komponisten haben schließlich nicht in Freiburg Station gemacht, mehrere Wochen hier gelebt und waren insgesamt drei Mal da. Ganz abgesehen davon, dass zusätzlich zum Vater Felix auch dessen ältester Sohn Karl in Freiburg Spuren hinterlassen hat. Als Dekan der Historischen Fakultät und bis heute anerkannter Griechenland-Forscher wäre allein er eine Straßenbenennung wert. Wie ich hörte, ist eine Felix Mendelssohn Bartholdy Straße seit längerem in Planung. (Anmerkung der Redaktion: Nach Auskunft des Kulturamtes der Stadt Freiburg steht der Name Mendelssohn auf einer Vormerkliste für die Straßennamen, aber welche Straße und wann, sei noch völlig offen.)

Rüdiger Nolte (Jahrgang 1951) lebt in Berlin und war von 2006 bis 2017 Rektor der Freiburger Musikhochschule.
Vortrag: 23. Mai, 20.15 Uhr, Universität Freiburg, KG I, HS 1015.