Rinderschlachtung

Weniger Fleisch, aber das deutlich teurer: Gut für die Tiere und gut für die Gesundheit

Otto Schnekenburger

Von Otto Schnekenburger

So, 05. Juli 2020 um 17:01 Uhr

Südwest

Während große Fleischhändler Negativschlagzeilen sammeln, bemüht sich in der Region eine IG um "Schlachtung mit Achtung". Wie es Nutztieren ergeht, entscheidet nicht zuletzt der Verbraucher.

Was aus dem Innenleben von Fleischgroßhändlern zuletzt zu sehen war, hat der Lust auf Fleisch geschadet. Derweil freut sich eine Interessengemeinschaft aus der Region, die sich für den Tierschutz bei der Schlachtung einsetzt und hier eine Alternative zu den bisherigen Schlachtmethoden schaffen möchte, nun über 90 000 Euro vom Land für seine am Tierwohl orientierte Form der Schlachtung. Der Umgang mit Nutztieren, er ist wohl eine Frage des Preises.

Bei der Interessengemeinschaft (IG) "Schlachtung mit Achtung" wird das Rind seit rund eineinhalb Jahren nicht zum Schlachthof gebracht, sondern der "Schlachthof" kommt zum Rind. "Mobile Schlachteinheit" tauften Thomas Mayer aus Kandern – eigentlich Betreiber eines Pflasterbaubetriebes und Landwirt – und seine Mitstreiter die Hänger, in denen jeweils ein Tier vor Ort betäubt und durch Ausbluten getötet wird.

Tiere kommen von alleine in die Fangboxen

Eine Besonderheit ist die einer Futterstelle nachempfundene Fanganlage. Die mit "Schlachtung mit Achtung" zusammenarbeitenden Bauern haben diese auf ihren Höfen, können so ihre Rinder an sie gewöhnen. Die Tiere, so das Prinzip, kommen von alleine "in ihrem Tempo" in die Fangboxen, sie werden betäubt, in den Hänger gezogen und in rund einer Minute getötet.

"Das Rind geht zum Fressen und stirbt. Wenn es sich weigert, probieren wir es mit einem zweiten Tier oder brechen ab", sagt Thomas Mayer. Die mobile Schlachteinheit zählt bereits rechtlich als Bestandteil des Schlachthofes in Wies, wo die Tiere innerhalb von 45 Minuten nach ihrem Tod geschachtet werden.

Immer weniger Schlachtungen auf den Höfen

"Schlachten auf dem Hof ist in Südbaden rückläufig", berichtet Padraig Elsner, Sprecher des Badischen Landwirtschaftlichen Hauptverbandes (BLHV) in Freiburg. Das hängt mit dem Höfesterben und einer Vergrößerung der bleibenden Betriebe zusammen. "Lohnen tut sich eine Hofschlachtung noch für Betriebe, die die ganze Wertschöpfung inklusive Direktvermarktung auf ihrem Gelände haben wollen", sagt Elsner. Dafür brauche ein Hof eine Stammkundschaft, die einen höheren Preis zu zahlen bereit ist. Auch könne der Tierarzt, der dass Schlachtgut anzuschauen hat, nicht für zwei Tiere durch den halben Schwarzwald fahren.

Die Kleinstrukturiertheit in der Tierhaltung Südbadens sorgt dafür, dass günstiges Fleisch in den Discountern oft nicht aus der Region stammt. "Wir decken speziell bei Schweinen die Eigenversorgung nicht ab", sagt Elsner. So ist ein mit der Belieferung von 2 000 Metzgereien und 2 500 Restaurants großer Akteur am Markt der Fleischhändler Färber. Verglichen mit der durch massenhafte Corona-Infektionen im Kreuzfeuer stehenden Unternehmensgruppe Tönnies weist er überschaubare Zahlen auf.
Der Tod in gewohnter Umgebung soll Rindern in der Schweiz den Weg zum Schlachthof ersparen – und damit sehr viel Stress und Leid. In Deutschland gibt es das Modell ebenfalls, aber nicht flächendeckend.

Werden bei Tönnies jährlich mehr als 16 Millionen Schweine geschlachtet, sind es in Färbers Schlachthof in Freiburg, wie Harald Koneberg von der Firma Färber der Badischen Zeitung berichtete, nur 11.000 bis 12.000 pro Jahr. Rund 500 Mitarbeitern an etwa 30 Standorten seien in dem 1877 als Viehhandlung in Villingen gegründeten Familienunternehmen beschäftigt, es gebe weder Werkverträge noch Akkordarbeit, dafür werde "weit über Tarif" bezahlt, betonte Geschäftsführer Manfred Kempter. Im Regierungsbezirk Freiburg gibt es zwölf Schlachtbetriebe, die aufgrund ihrer Größe der Zulassung des Regierungspräsidiums (RP) bedurften. Das sind Betriebe, die wöchentlich mehr als 20 und jährlich mehr als 1000 Großvieheinheiten (500 Kilogramm) schlachten, so das Referat für Veterinärwesen und Lebensmittelüberwachung im RP. In fast jedem Landkreis des Bezirks befinden sich ein bis zwei dieser Schlachtbetriebe, die im nationalen Vergleich klein sind. Diese im Vergleich zu Metzgereien mit Schlachtung etwas größeren Schlachthöfe sind Dienstleister für die Metzgereien der Region.

Viele kleine Schlachtbetriebe in der Region

Daneben gibt es rund 250 Schlachtbetriebe, die wöchentlich nicht mehr als 20 und jährlich nicht mehr als 1 000 Großvieheinheiten schlachten. "Das sind vor allem Gemeindeschlachthäuser, ortsansässige Metzgereien, und Direktvermarkter", sagt Heike Spannagel, Pressesprecherin des Regierungspräsidiums.

Und dann gibt es noch die Hausschlachtungen (Privatschlachtungen). Dies sind Schlachtungen außerhalb zugelassener Schlachthöfe oder sonstigen Betriebsstätten von Lebensmittelunternehmen, erläutert das Referat für Veterinärwesen und Lebensmittelüberwachung im Regierungspräsidium. Dabei schlachtet der Besitzer sein eigenes Schlachttier, dessen Fleisch jedoch ausschließlich für den Verbrauch im Privathaushalt dieser Person bestimmt ist.

Privatschlachtungen können sowohl in einer Betriebsstätte des Tierhalters als auch in anderen Räumlichkeiten durchgeführt werden, die nicht als solche lebensmittelunternehmerisch (im gewerblichen Sinne) genutzt werden. Dies wäre beispielsweise ein Gemeindeschlachthaus, welches ausschließlich privat genutzt wird, ein Schlachtraum eines Schlachtvereins oder ein sonstiger Schlachtraum außerhalb einer Betriebsstätte eines Lebensmittelunternehmens. In den ländlichen Regionen des Regierungsbezirks Freiburg befinden sich noch über 30 Gemeindeschlachthäuser im Betrieb.

"Die nackte Angst beim Transport"

Für Padraig Elsner vom BLHV ist ein Tiertransport über kürzere Strecken, etwa zu den größeren regionalen Schlachthöfen tierfreundlich gestaltbar. Umgekehrt könne auch eine Schlachtung vor Ort Stress für ein Tier bedeuten, wenn etwa wegen menschlichem Versagen etwas schief läuft. "Wir haben sehr gute Bestimmungen und Auflagen, die Tiere werden stressfrei in den Transporter gebracht, die Versorgung im Transport ist gewährleistet, der Platz auch", meint Elsner. Das RP verweist auf eine EU-weite Verordnung von 2013, in welcher der Schutz von Tieren bei der Schlachtung gestärkt und die Unternehmer mehr in die Verantwortung genommen wurden, etwa durch Betäubungsmittelkontrollen und die Pflicht zu einem Tierschutzbeauftragten in Großbetrieben.

So viel sei nicht dabei, wenn eine Kuh mit ihr vertrauten Artgenossen auf einen Transporter verladen wird und in der Nähe auf einen Schlachthof kommt, der sein Handwerk sachgerecht erledigt, meint Elsner. Für Thomas Mayer bleibt der Transport eine Krux. "Irgendwie scheinen die Rinder etwas zu spüren, wenn man sieht, was sich beim Verladen abspielt", sagt er. "Und im Transporter fangen Rangkämpfe an, während die nackte Angst um sich greift. Diese Boxen stinken extrem nach dem Stresshormon Cortisol, das die Rinder ausscheiden. Die nächsten riechen das dann schon beim Einsteigen."

Bisher scheitert mehr Tierwohl auch am Verbraucher

Ende 2018 durften Mayer und sein Team loslegen, vorausgegangen war ein jahrelanger Prozess von der Idee über das Entwicklungs- und Genehmigungsverfahren. 400.000 Euro hat die Entwicklung für Rinder die Interessengemeinschaft gekostet, schon hier gab es einen Landeszuschuss von 50.000 Euro. Bereits 2019 hatte "Schlachtung mit Achtung" zudem als eine von fünf Initiativen den Tierschutzpreis des Landes erhalten. Nun also die erneute Landesförderung, zweckgebunden an die Entwicklung einer mobilen Schlachteinheit für Schweine sowie andere kleine Nutztiere wie Schafe und Ziegen.



"Die funktionieren ein wenig anders, aber ich habe schon eine Idee, wie wir auch ihnen einen stressfreien Tod auf den Höfen ermöglichen können", meint Thomas Mayer. "Wir hoffen auf große Nachfrage, dass die Verbraucher den Preis für diese Schweine bezahlen", sagt Elsner. "Aber es gibt einen großen Unterschied zwischen dem erklärten und dem tatsächlichen Einkaufsverhalten." Ob die mobilen Schlachtverfahren zum Erfolgsmodell werden, hängt vom Verbraucher ab, heißt es auch beim RP.

Das liebe Geld, es scheint die Grenze, an der mehr Tierwohl bislang scheitert. Zur IG "Schlachtung mit Achtung" gehört auch ein in Lörrach sitzender eigener Verkauf und Versand. Von 25 Euro an aufwärts kostet dort ein Kilo Fleisch vom Rind. Zu teuer für viele Haushalte? Für die Geldbeutel der Verbraucher hat Thomas Mayer einen einfachen Ratschlag parat: "Fleisch sollte generell doppelt so teuer sein. Aber wir sollten auch nur die Hälfte an Fleisch essen. Dann ist auch der Onkel Doktor mit uns wieder mehr zufrieden."