Handball

Felix Gäßler will mit dem TV Willstätt die 3. Liga halten

Uwe Schwerer

Von Uwe Schwerer

Fr, 22. Februar 2019 um 08:00 Uhr

Handball Allgemein

Der wurfgewaltige Rückraumspieler Felix Gäßler aus Schwanau hat einiges vor im regionalen Handball.

Es ist eine Rückkehr, von der Viele im Idealfall profitieren können: der Sportler selbst, sein neuer Verein und am Ende vielleicht sogar der Handball in der Ortenau. Seit ein paar Tagen greift Felix Gäßler für den TV Willstätt zum Ball. Ihm soll der wuchtige Rückraumspieler helfen, die Dritte Liga zu halten. Der 24-Jährige, der aus Schwanau stammt, hat schon jetzt, im jungen Alter, eine sehr bewegte Vita als Sportler hinter sich, reich an prägenden Erfahrungen. Darunter eine traumatische Phase, in der sogar das abrupte Karriere-Ende drohte.

Der Rückschlag

Eigentlich ließ es wie geschmiert für Felix Gäßler im Herbst 2012. Der junge Mann vom Jahrgang 1994 trug das Trikot des Zweitligisten SG Leutershausen, wo er eine wichtige Rolle im Rückraum bekleidete. Dann wurde er von Trainer Christian Schwarzer zum Lehrgang der Junioren-Nationalmannschaft eingeladen. Tim Suton – ausgerechnet der Ex-Willstätter, der jüngst mit Nationalmannschaft bei der WM angenehm auffiel – musste wegen einer Verletzung passen. Gäßler fuhr zusammen mit seinem Teamkollegen Yannick Kohlbacher – auch er ein aktueller Nationalspieler- zum Lehrgang ins Saarland, und hinterließ dort wohl einen guten Eindruck: Zumindest erinnert Gäßler sich daran, dass Schwarzer beim Vereinstrainer eine positive Rückmeldung abgab. Es eröffnete sich scheinbar ein weiter Horizont an Möglichkeiten. "Doch drei, vier Wochen nach dem Lehrgang kam der Rückschlag." Die Zeit ist bei Gäßler naturgemäß noch sehr präsent: "Es gab Anzeichen am Knie, da könnte etwas sein." Die Diagnose lautete Korbhenkelriss, "der schlimmste Meniskusriss, den ein Handballer haben kann. Es war klar: Die Reha dauert sechs Monate." Von wegen. "Nach vier Wochen in der Reha schwoll das Knie wie eine Melone an". Der Hausarzt in Ottenheim stellte einen utopisch hohen Entzündungswert fest: Im Knie hatte sich ein Krankenhauskeim eingenistet. Im Klinikum in Heidelberg musste sich der hoffnungsvolle Handballer im Dezember 2012 einer Not-Operation unterziehen. Die Reha nahm insgesamt neun Monate in Anspruch. Alle sportlichen Pläne waren plötzlich Makulatur. "Da war überhaupt nicht klar, ob ich nochmal Handball auf professioneller Ebene spielen kann", erinnert er sich. Eine schwere Zeit, aber der Handballer sagt heute: "Charakterlich hat mich das geformt. Man kommt voran, man wächst daran."

Das Berufsrisiko

Der junge Mann hat sich einen nüchternen Blick auf sein sportives Tun angeeignet: "Auf einem gewissen Level ist das fast nicht vermeidbar, jeder Spieler hat im Verlauf seiner Karriere wahrscheinlich mal eine größere Verletzung. Das ist Berufsrisiko. Es geht so hart zu, Handball ist so schnell und so körperbetont geworden, da spielt die Gefahr ständig mit." Für ihn ging es aber darum, sich selbst und anderen zu beweisen, dass er wieder zurückkommen, wieder 2. Liga spielen kann. "Der Ehrgeiz war da." Also schuftete Gäßler in der Reha. Nach der Verletzung brauchte er Spielpraxis, die 2. Liga war zum Einstieg zu anspruchsvoll, da eröffnete sich ihm die Chance, mitten in der Saison zur SG Kronau-Östringen II in die dritthöchste Spielklasse zu wechseln. "Für diese Möglichkeit bin ich extrem dankbar." Der Plan ging auf, die Rückkehr gelang. Zur Saison 2014/15 unternahm er wieder einen Schritt in heimatnähe und heuerte beim Drittligisten SG Köndringen-Teningen an, wo er zwei Spielzeiten blieb, bevor er zur HSG Konstanz in die 2. Liga ging.

Die Förderer

Die Komplikation mit dem Knie ist die eine Seite der Medaille, denn Gäßler war andererseits auch großes Glück beschert: An jeder Station seiner Laufbahn traf er auf große Förderer. "Ich bin sehr verwöhnt, was die Trainer angeht." Das begann schon beim Heimatverein TuS Ottenheim, setzte sich später in der SG Ottenheim/Altenheim fort, wo er von der Qualität und vom Wissen des ehemaligen Bundesligahandballers und Trainers Rudi Fritsch profitierte. "Unter ihm habe ich einen Riesensprung gemacht." In Leutershausen entwickelte er sich unter den Fittichen von Holger Löhr, dem ehemaligen Bundesligaspieler der SG Willstätt/Schutterwald, weiter. Gäßler lobt: Löhr habe "sehr akribisch gearbeitet. Die zwei Jahre in Teningen taten seiner Entwicklung nach eigener Einschätzung ebenfalls ausnehmend gut: "Unter Ole Andersen hab ich viel gelernt. Ich würde jedem jungen Spieler raten, zu ihm zu gehen. Er kann sie in der individuellen Entwicklung wahnsinnig weit bringen." Zudem spielte bei der Breisgauer SG eine zentrale Rolle und bekam ausgesprochen viel Spielzeit. Nach zwei intensiven Jahren in Konstanz traf er auf seiner nächsten Station im nordbadischen Nussloch auf einen Handballer aus der Heimat: Jochen Geppert aus Friesenheim agierte dort eigentlich als Mittelmann. Geppert übernahm aber nach der Entlassung der beiden Coaches dort die Trainingsarbeit zusammen mit Philipp Müller. "Er hat das super gemacht", sagt Gäßler.

Die Rückkehr

Mit dem TV Willstätt schließt sich nun ein Kreis für den Schwanauer. Hier wirkt Rudi Fritsch, sein ehemaliger Jugendcoach, als Sportlicher Leiter. Auch TVW-Trainer Marco Schiemann, den ehemaligen Meißenheimer, der vom Bodensee zurückgekehrt war, kennt er seit Jahren. Vieles fügt sich offenbar. Gäßler wohnt jetzt in Lahr zusammen mit seiner Freundin Viola Schirmaier, eine ehemalige Handballerin beim TV Lahr. Er hat jetzt kurze Wege, ganz anders als früher. Von Konstanz nach Lahr war er regelmäßig zweieinhalb Stunden unterwegs. Dazu kamen noch mehr als 20 000 Kilometer pro Saison bei Auswärtsspielen in der 2. Liga. "Das war anstrengend. Und irgendwann will man ja auch ankommen." Hier trifft er wieder alte Freunde. Die Familie wohnt in Nonnenweier. Und er kann jetzt regelmäßig in der Ottenheimer Rheinauenhalle beim TuS vorbeischauen, bei dem er 16 Jahre lang gespielt hat und mit dem er sich tief verbunden fühlt. Angesichts des wechselhaften Lebens als Handballer hat er außerdem in anderer Hinsicht eine sehr pragmatische Entscheidung getroffen. Er studiert Wirtschaftsrecht an der Euro-Fernhochschule in Hamburg. Damit vermeidet er, bei jedem Teamwechsel sich wieder vollkommen neu orientieren zu müssen.

Die Zukunft

Nun will Gäßler seine Athletik und seine Erfahrung in den Dienst des neuen Teams stecken, dem er sich vor ein paar Tagen angeschlossen hat. Die SG Nussloch hat sich seinem Wunsch nach einem schnellen Wechsel nicht verweigert, was er dankbar zur Kenntnis nahm. "Der Klassenerhalt mit Willstätt hat Priorität. Darauf muss alles gerichtet werden." Er habe lange mit dem Vorsitzenden Rainer Lusch und Rudi Fritsch geredet und dabei festgestellt: "In Willstätt sind immer noch ausgezeichnete Strukturen vorhanden. Hier können die Spieler eine gute Plattform finden." Denn dies ist auch ein Anliegen des Rückraumspielers: "In der Ortenau muss wieder mal hochklassiger Handball angeboten werden." Er weiß aber auch: "Der Aufstieg aus der 3. Liga ist wahnsinnig hart." Er hat festgestellt: "Es ist schon schade, alle guten Handballer müssen weg. Dabei ist die Region doch handballverrückt." Er verweist auf Derbys in Südbadenliga oder Landesliga in vollen Hallen mit 600 bis 700 Zuschauern. Mit 24 Jahren kann Gäßler seinem Körper wohl noch ein paar Jahre Handball auf ansprechendem Niveau zumuten. Was dann passiert, weiß er genau: "Irgendwann werde ich wieder beim TuS Ottenheim spielen. Die Ottenheimer haben viel in mich investiert, sie haben dafür gesorgt, dass ich meinen Traum leben kann. Ihnen will ich etwas zurückgeben."

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