"Hätte ich ohne dich nie geschafft"

Georg Gulde

Von Georg Gulde

So, 22. Mai 2022

Ringen

Wie Armen Mkrchtyan mit Bundestrainer Patrick Loes die Ringerin Aline Rotter-Focken zum Olympiasieg führte.

Manchmal braucht auch ein Olympia-Silbermedaillengewinner fachliche Hilfe. Am Olympiastützpunkt Freiburg ist Ringer-Trainer Armen Mkrchtyan zum Gespräch verabredet. Doch zuvor sollen noch Fotos geschossen werden. Der Coach wird auf die Matte beordert. Bei Elena Brugger vom TuS Adelhausen, der EM-Dritten des Jahres 2022, soll er einen Griff anbringen und dabei möglichst noch Richtung Kamera schauen. Die ersten Fotos sind gemacht, die Ringerin schaut sie sich an. Dann verzieht sie das Gesicht und sagt, obwohl sie eigentlich "richtig trainieren" will: "Armen, das müssen wir wohl noch mal machen. Zu wenig Gesicht ist zu sehen."

Mkrchtyan, der jeden Freistilgriff kennt und immer noch fast im Schlaf ausführen kann, seufzt und willigt ein. Also ein zweiter Versuch. Und ein dritter. Der 48-jährige Trainer schnappt schnell mit seiner linken Hand das rechte Bein der halb so alten Nationalmannschaftskämpferin in der Kniekehle, fasst mit seiner rechten Hand auch noch die Ferse der Athletin, so dass diese nur noch auf einem Bein hüpfen kann. Mit einer geschmeidigen Bewegung kommt er hinter sie und drückt sie zu Boden. In einem echten Kampf hätte er dafür zwei Wertungspunkte erhalten.

Hier beim Fotoshooting gibt es indes nur Punkte für die künstlerische Note. Nach dem dritten Versuch ist nicht nur der Fotograf zufrieden, sondern auch Elena Brugger. "Doch noch ganz gut geworden", murmelt sie und lächelt, als wolle sie sagen: In diesem Leben wird Armen Mkrchtyan kein Fotomodell mehr.

Damit hat sie zweifellos recht. Aus drei Gründen: Erstens will das der Trainer gar nicht. Zweitens sprechen 1,53 Meter Körpergröße entschieden gegen eine solche Karriere. Und drittens gibt es keine Fotomodelle mit Ringerohren.

Auch wenn sich der kleine Mann also nicht für eine späte Laufbahn in einer Branche eignet, in der es oft mehr um den Schein als um das Sein geht: Für den Deutschen Ringer-Bund (DRB) ist er ein Glücksfall. Seit 2017 arbeitet der gebürtige Armenier, der 1996 bei den Olympischen Spielen in Atlanta Silber für die damals noch real existierende Sowjetunion in der damals niedrigsten Gewichtsklasse bis 48 Kilogramm gewann, am Olympiastützpunkt Freiburg. Zusammen mit Bundestrainer Patrick Loes hat er Aline Rotter-Focken im vergangenen Jahr zum Olympiasieg in Tokio geführt.

Der Landessportverband Baden-Württemberg zeichnete Armen Mkrchtyan am vergangenen Freitagabend in Stuttgart als "Trainer des Jahres 2021" aus. "Du hast schon daran geglaubt, dass ich Olympiasiegerin werde, bevor ich überhaupt daran geglaubt habe", sagt die gebürtige Krefelderin. Aline Rotter-Focken, die seit 2017 zusammen mit ihrem Mann Jan Rotter in Triberg wohnt und die im vergangenen Jahr ihre sportliche Laufbahn mit einem Sieg im olympischen Finale der Gewichtsklasse bis 76 Kilo zugleich krönte und beendete, ergänzt: "Ohne dich hätte ich das nie geschafft."

Vielleicht wäre ja alles anders gekommen, wenn nicht Bundestrainer Patrick Loes so hartnäckig gewesen wäre. Er kannte Armen Mkrchtyan schon seit der Zeit, in der dieser Vereinstrainer beim TV Aachen-Walheim gewesen ist. Als Armeniens männliche Freistilringer dann von Olympia 2016 in Rio ohne eine Medaille zurückkehrten, was in dem Land ungefähr so enttäuschend ist, als wenn die deutsche Fußball-Nationalelf bei einer WM nicht wenigstens eine Medaille gewinnt, wurde Mkrchtyan für ein halbes Jahr Nationaltrainer in seinem Heimatland. Er, der einst auch in der Bundesliga gerungen hat, dann aber keine langfristige Aufenthaltserlaubnis in Deutschland erhielt und sich in Belgien niederließ, blieb das nur ein halbes Jahr. Dann kam das Angebot des DRB. Der 48-Jährige nahm’s an, "auch, weil ich dadurch näher bei meiner Frau und meinen drei Töchtern bin, die weiter in Belgien leben".

"Armen und ich ergänzen uns wirklich gut", sagt Loes, der kürzlich Vater von Zwillingen geworden ist und deshalb an diesem Morgen nicht in der OSP-Halle weilt. Der Armenier ist vor allem der Mann für die Mattenarbeit, Loes fürs Organisatorische. Und ohne die Penetranz des Bundestrainers wäre Aline Rotter-Focken womöglich nicht Olympiasiegerin in Tokio geworden und ihr "Trainingspartner" Armen Mkrchtyan nicht "Trainer des Jahres" beim Landessportverband.