Wetterexperte im Interview

"Hagelfliegerei ist Betrug" – sagt Jörg Kachelmann

Frank Zimmermann

Von Frank Zimmermann

Di, 23. April 2019 um 20:16 Uhr

Südwest

Für bis zu 130.000 Euro gibt es Hagelabwehr-Flieger in Südbaden. Alles Blödsinn, sagt Wetterexperte Jörg Kachelmann im Interview – und erklärt, warum die Methode gar nicht funktionieren könne.

An Kaiserstuhl und Tuniberg haben sich Winzer und Obstbauern zum Verein "Hagelabwehr Südbaden" zusammengetan, ein kleines Flugzeug angeschafft und einen Piloten angeheuert. Bereits seit 2014 gibt es den Verein "Hagelabwehr Ortenau". Aber bringt die Hagelfliegerei überhaupt etwas? Wissenschaftliche Nachweise gibt es nicht. Frank Zimmermann sprach darüber mit dem Wetterexperten Jörg Kachelmann, der sich schon seit Jahren mit dem Thema befasst.

"Es gibt keinen Nachweis über die Wirkung." Jörg Kachelmann
BZ: Herr Kachelmann, Sie haben über die Hagelfliegerei gesagt: "Eine Kerze in der Kirche anzuzünden, hilft gegen Hagel mehr als Silberjodid aus einer Cessna zu sprühen." Warum ist die Hagelfliegerei Ihrer Meinung nach unsinnig?
Kachelmann: Bei der Hagelfliegerei weiß man, dass sie völlig sinnlos ist, während es bei der Kirche immerhin keinen sicheren Beweis gibt, dass die Kerze in der Kirche nicht vielleicht doch hilft. Ich würde lieber eine Kerze in der Kirche anzünden. Man hat das Hagelfliegen im letzten Jahrhundert ausführlich wissenschaftlich untersucht. Das Potenzial zum Aberglauben ist generell groß, deshalb hat man sich diese Mühe gemacht. Das Ergebnis war: Es gibt keinen Nachweis über die Wirkung.

"Diese kleinen Flugzeuge sind gar nicht für Gewitternähe zugelassen." Jörg Kachelmann
BZ: Warum wird das Verfahren dann immer noch angewandt?
Kachelmann: Das Furchtbare ist, dass das nun schon wieder so lange her ist, dass neue Scharlatane aus den Löchern kommen, um Geld zu verdienen, zum Beispiel Piloten. Sie machen das auch ganz ohne Risiko. Denn sie bleiben weit weg von Gewittern. Diese kleinen Flugzeuge sind gar nicht für Gewitternähe zugelassen, schauen Sie sich doch nur mal die Zulassungspapiere solcher Maschinen an. Die Hagelpiloten sagen immer, sie könnten niemanden mitnehmen aus Versicherungsgründen und weil es gefährlich sei. Der wahre Grund ist, dass jeder Passagier mitbekommen würde, wie unendlich weit weg sie vom Gewitter sind und von dort, wo der Hagel gebildet wird: vom Zentrum der Gewitterwolke.

BZ: Das heißt, unter den Wolken zu fliegen und im Aufwindkanal Wolken zu "impfen", indem Silberjodid zur Verkleinerung der Hagelkörner versprüht wird – das funktioniert gar nicht?
Kachelmann: Nein. Die Piloten werden gar nicht an der richtigen Stelle sein: Dort, wo die Hagelzelle sich bildet, ist der Aufwind so, dass sie das mit ihren kleinen Flugzeugen gar nicht kontrollieren können. Fragen Sie mal Verkehrspiloten großer Flugzeuge, ob sie in ein Gewitter fliegen, die machen um jede Gewitterwolke einen großen Bogen. Deswegen gibt es ja Radar. Sie sind definitiv nie, nie, nie, nie dort, wo der Hagel gebildet wird.

"Jeder Euro, der für Hagelfliegerei ausgegeben wird, ist reine Geldverschwendung." Jörg Kachelmann
BZ: Kurzum: alles Blödsinn?
Kachelmann: Ja, das ist, als ob Sie ihr Kind aus Klorollen eine Maschine gegen den Weltuntergang bauen lassen und es berichtet dann jeden Morgen stolz, dass seine Weltuntergangsmaschine funktioniert, weil die Welt ja noch da ist. Und genau das ist das Prinzip bei den Hagelfliegern: Dass ein bestimmter Ort durch einen großen Hagelschlag getroffen wird, kommt im Kaiserstuhl und Umgebung alle 20 bis 25 Jahre vor. Jedes Jahr können glückliche Bauern also sagen: "Auch dieses Jahr sind wir nicht getroffen worden." Und die Hagelflieger können dann ergänzen: "Es war unseretwegen." Und wenn dann wie kürzlich im Rems-Murr-Kreis fünf Zentimeter große Hagelkörner alles zerlegen, werden sie sagen: "Es wären zehn Zentimeter große Hagelkörner gewesen, wenn wir nicht da gewesen wären." Was ich sagen will: Die Wahrscheinlichkeit für einen Großhagel ist so gering, dass jemand, der behauptet, das durch Hagelfliegerei zu verhindern, immer Recht haben wird.

BZ. Das Ganze ist nicht billig – der Betrieb des neu angeschafften Fliegers samt Pilotenhonorar kostet den Verein "Hagelabwehr Südbaden" 120.000 bis 130.000 Euro im Jahr.
Kachelmann: Wenn ich denke, was man mit dem ganzen Geld alles Sinnvolles machen könnte – jeder Euro, der für Hagelfliegerei ausgegeben wird, ist reine Geldverschwendung. Und das ist das, was mir weh tut – dass Leute Geld für solchen Aberglauben ausgeben. Da können sie das Geld auch gleich aus dem Flugzeug werfen – für den Hagel wäre der Effekt genau derselbe, aber wenigstens hätten ein paar Menschen mehr etwas davon.

BZ: Auf Hagelflieger vertraut man nicht bloß in Südbaden – es gibt sie vielerorts.
Kachelmann: Es gibt überall Geldgier und Bauernfänger. Nach dem Großversuch in den 70er-Jahren war es jahrelang kein Thema. Aber wenn Menschen irgendwo auf der Welt sehen, dass ein Betrugsschema funktioniert, dann wird es anderswo adaptiert.


"Die Wahrheit ist nie justiziabel." Jörg Kachelmann
BZ: Am Kaiserstuhl und am Tuniberg haben sich Menschen ganz unterschiedlicher Branchen zusammengetan, man kann es also nicht allein den Piloten in die Schuhe schieben.
Kachelmann: Das macht es nicht besser. Es gibt eine substanzielle Anzahl von Menschen, die glauben, dass der Mond Einfluss auf das Wetter hätte. Und eine substanzielle Anzahl von Menschen, die glauben, dass Flüsse Wetterscheiden seien. Das ist das Ergebnis, wenn man in der Schule Naturwissenschaften abwählen kann – dann sind Tür und Tor für alle Formen von Scharlatanerie geöffnet.

BZ: Sie kritisieren das nicht erst seit gestern. Hatten Sie schon juristisch Stress mit Hagelfliegern oder deren Lobby?
Kachelmann: Die Wahrheit ist nie justiziabel. Hagelfliegerei ist Betrug. Eine Gelddruckmaschine für wenige auf Kosten vieler.

BZ: Eingesetzt wird ein Gemisch aus Silberjodid und Aceton, außerdem setzt man auch auf Fackeln...
Kachelmann: Und um diesen Wahnsinn komplett zu machen: Am Bodensee werden – mit behördlicher Erlaubnis – Hagelkanonen eingesetzt. Die machen einen gigantischen Knall. Hagelkörner in drei, vier Kilometern Höhe würden das nicht hören, selbst wenn sie Ohren hätten – sie zerfallen nicht, nur weil es knallt.

BZ: Haben Sie schon einmal von Angesicht zu Angesicht mit Hagelfliegern gesprochen?
Kachelmann: Es ist vollkommen sinnlos – wie mit Sektierern, die glauben, dass die Erde eine Scheibe sei oder es keine Mondlandung gab. Sie können nicht Hütchenspieler im Gespräch überzeugen, dass sie das doch lieber lassen sollen.


BZ: Kann der Mensch das Wetter überhaupt in irgendeiner Form beeinflussen?
Kachelmann: Ja, in Wüstengebieten wird beispielsweise Silberjodid eingesetzt. Wolken, die fast "reif" sind, können zum Regnen gebracht werden, wenn man oben oder seitlich Silberjodid eingibt.
Jörg Kachelmann, 59, betreibt das Wetterportal "kachelmannwetter.com" und moderiert seit Jahresanfang zum dritten Mal nach 1999 bis 2004 und 2007 bis 2009 mit Kim Fischer die Talksendung "Riverboat" am Freitagabend im MDR-Fernsehen.

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