Handel und Händel

Annette Hoffmann

Von Annette Hoffmann

Sa, 20. Februar 2021

Literatur & Vorträge

Der Germanist Jochen Hörisch beißt sich in seiner "Kulturgeschichte der Hände" an Goethes "fühlendem Begreifen" fest.

Es mutet nur kurz wie ein Täuschungsmanöver an, dass Jochen Hörisch seine "Kulturgeschichte der Hände" ausgerechnet mit dem Fußball beginnt. Denn was heißt schon Fuß? Auf Diego Maradonas legendäres Tor gegen England während der Fußballweltmeisterschaft 1986 wird der Literaturwissenschaftler zwar erst später zu sprechen kommen, doch bekanntlich brauchte es die "Hand Gottes", um Argentinien in Führung zu bringen.

Doch nicht nur jene, die sehen konnten, sondern auch Goethe-Leser hatten allen Anlass, an dieser Hand Gottes zu zweifeln. Schließlich war es auch Goethe gelungen, mit Händen einen ziemlichen Skandal zu beschwören, zweihundert Jahre zuvor. 1785 erschien sein Gedicht "Prometheus" gegen den Willen des Herausgebers Friedrich Heinrich Jacobi. Die Provokation lag einerseits darin, dass es die Hände des Heroen Prometheus waren, die den Menschen formten, andererseits und das war noch um einiges kühner, dass die Götter als ein Trugbild und eine Selbsttäuschung des menschlichen Geistes erscheinen. Im Zweifelsfall sollte also noch jede "Hand Gottes" mit einem Menschen verbunden sein.

Kopf und Hirn werden heute bevorzugt

Das antagonistische Verhältnis zwischen Hand und Kopf bestimmt Hörischs Buch wesentlich mehr als die Beziehung zwischen Hand und Fuß. Für den emeritierten Mannheimer Germanisten ist unsere Gegenwart durch eine "Handvergessenheit" gekennzeichnet, für die der Fußball lediglich deutlichster Ausdruck ist. Diesen Befund konstatiert er auch in der Medizin: "Kopf und Hirn genießen durch die Modedisziplinen Neurologie und Neurophysiologie ein hohes Maß an Aufmerksamkeit", schreibt er.

Allerdings wird zugleich intensiv an Handprothesen geforscht – was unter anderem an den weltweiten Handgreiflichkeiten liegt. Eine andere Unschärfe Hörischs findet sich in seiner Beurteilung des Handwerks, dem er ein geringes Prestige bescheinigt – ungeachtet der hohen Aufmerksamkeit, die etwa der Craftbeer-Szene gezollt wird. Handwerk kann, wenn es exklusiv ist, durchaus Distinktion verleihen. Eine Ausnahme macht Hörisch lediglich bei den Künstlerinnen und Künstlern. Doch auch da übertreibt er – denn in der Kunst hat längst das Konzept über die Handfertigkeit gesiegt, die viele Kunstschaffende an Werkstätten oder Mitarbeiter delegieren.

Doch eigentlich will Jochen Hörisch weniger über die Gegenwart als über Goethe schreiben. Obgleich auch die Merkelraute ihren Platz findet und Beispiele aus der Kunstgeschichte angeführt werden, ist sein Buch vor allem eine literaturwissenschaftliche Abhandlung. Der Untertitel "Eine Kulturgeschichte" greift da zu hoch. Doch bei Goethe wird es interessant. Die Gründe liegen tatsächlich – pardon – auf der Hand.

Hörisch liebt es, den sprachlichen Reichtum zu erforschen, den dieser Körperteil generiert – man muss nur Goethes "Römische Elegien" lesen. Da setzen sich die Lektüre der Antike und die Kunstbetrachtung im Liebesspiel mit Faustine (!) fort, das wiederum zum Gedicht wird, wenn der Liebende "des Hexameters Maß leise mit fingernder Hand Ihr auf den Rücken" zählt. Das Ideal wäre ein fühlendes Begreifen, eine enge Verbindung zwischen Haptik und Verstand. Der Mensch vollendet sich, wenn er mit "fühlendem Auge" sieht und fühlt mit "sehender Hand", wie es in der fünften der Römischen Elegien heißt.

Ein weiteres Feld, zu dem das Handeln und der Handel führen, ist die Ökonomie. Während des langen Lebens des Kaufmannssohns und Finanzministers Goethe sollte sich das europäische Wirtschaftssystem grundlegend ändern. Im Laufe der napoleonischen Säkularisierungen wird die Kirche enteignet, ihr Reichtum ist fortan in der Hand des Staates. Das Bild von privater und öffentlicher Hand wird hingegen erst im 20. Jahrhundert geprägt. Es muss ein epochaler Einschnitt gewesen sein, ähnlich der Erfindung des Papiergeldes, wie Goethe es in Faust II beschreibt.

Kein Wunder also, dass für Hörisch das Zeitalter der Handvergessenheit mit dem Kapitalismus beginnt: zu dem Zeitpunkt, als sich die Wertschöpfung von der Hände Arbeit emanzipiert und eine unsichtbare Hand die Mechanismen des Marktes leitet. Die Entwicklung setzt sich fort durch die aktuelle Debatte über das bargeldlose Zahlen.

Wer sich mit der Hand und all ihren sprachlichen Prägungen befasst, gelangt noch in jeden Lebensbereich. Und diese Weltoffenheit Goethes macht die große Faszination für Hörisch aus. "Die schöne Literatur, die keine Berührungsangst vor dem Unreinen, vor Widersprüchen und vor Paradoxien hat, kennt nicht die Handvergessenheit einer Philosophie, die reine Vernunftverhältnisse analysieren möchte. Dabei ist sie sich, wenn sie sich auf Goethes Niveau entfaltet, der Paradoxie bewusst, der sie die Möglichkeiten ihrer Sensibilität für greifbare und unbegreifliche Hände, für Handel, Händel und Handgreiflichkeiten aller Art (die erotischen voran) verdankt." Die Hand ist, wie Hörisch sagt, die Schnittstelle zwischen uns und der Welt. Und welcher Autor sollte das besser wissen als Goethe, dessen Protagonisten oft sprechende Namen oder Beinamen tragen wie Faust oder Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand.

Jochen Hörisch: Hände – Eine Kulturgeschichte. Hanser Verlag, München 2021. 304 Seiten, 28 Euro.