Interview

Heimwegtelefon: "Wer telefoniert, ist kein leichtes Opfer"

Sigrun Rehm

Von Sigrun Rehm

Di, 23. März 2021 um 13:02 Uhr

Liebe & Familie

Conny Vogt vom "Heimwegtelefon" begleitet Frauen nachts telefonisch auf dem Weg nach Hause. Im Interview spricht sie über Übergriffe im öffentlichen Raum und den Hashtag "Reclaim the Streets".

Der Fall der Londonerin Sarah E., die Anfang März nachts auf ihrem Heimweg verschwand und ermordet aufgefunden wurde, hat im Netz eine neue Debatte um die Sicherheit von Frauen im öffentlichen Raum befeuert. Unter dem Hashtag "Reclaim the Streets" fordern Frauen ihr Recht ein, unbehelligt unterwegs zu sein. Conny Vogt vom "Heimwegtelefon" teilt diese Forderungen und gibt Tipps für den sicheren Heimweg.

BZ: Dass Frauen nachts auf der Straße unangenehm angegangen, sexuell belästigt oder bedroht werden, ist nicht neu. Doch plötzlich sprechen alle darüber und teilen ihre Erfahrungen von Angst und Wut. Was passiert hier, Frau Vogt?
Vogt: Es ist schrecklich, dass es so ein schlimmes Ereignis wie die Ermordung von Sarah E. gebraucht hat, und mein Mitgefühl gilt ihrer Familie. Die Debatte im Netz zeigt, dass das Maß voll ist. In ganz Europa stehen Frauen auf und sagen: Wir wollen die Straße zurück. Unsere Generation hat sich das vielleicht noch gefallen lassen, doch die jungen Frauen verlangen Gleichberechtigung als Menschen. Sie sind überzeugt: Gleichberechtigung muss auch im öffentlichen Raum gelten, und zwar egal, wie man aussieht, was man anhat und wie man sich verhält. Victim blaming ist kein guter Ansatz ...

"Unsere Generation hat sich das vielleicht noch gefallen lassen, doch die jungen Frauen verlangen Gleichberechtigung als Menschen."

BZ: … die Frage, ob das Opfer den Übergriff selbst mitverschuldet hat …
Vogt: … genau. Lange hieß es gegenüber Frauen: So wie du rumläufst, musst du dich nicht wundern. Als könnte man von Männern nicht verlangen, dass sie ihren Trieb kontrollieren. Doch hier gibt es nun einen Bewusstseinswandel. Neu ist, dass auch Männer mitdiskutieren.

BZ: In welcher Weise tun sie das?
Vogt: Indem sie sensibler und fragender auf die Angst- und Gewalterfahrungen von Frauen reagieren. Viele erklären zunächst, dass sie es nicht ja böse meinen, wenn sie einer fremden Frau "Ich find dich sexy" hinterherrufen. Wenn wir ihnen dann aber verständlich machen, wie bedrohlich das wirken kann, sind viele bereit, ihr Verhalten zu ändern.

BZ: Mit dem ab 2011 schrittweise ausgebauten "Heimwegtelefon" begleiten Sie bundesweit Menschen durch die Nacht. In welche Situation sind die Anrufenden?
Vogt: Das ist ganz unterschiedlich: Manche gehen allein eine dunkle Straße entlang, andere sitzen in der überfüllten U-Bahn. Gemeinsam ist ihnen, dass sie sich unwohl oder belästigt fühlen. Fast 30 Prozent der Anrufer sind übrigens Männer.
Conny Vogt (54) ist Vorsitzende des Vereins Heimwegtelefon mit knapp 100 ehrenamtlichen Mitarbeitenden. Es ist täglich ab 18 Uhr erreichbar, sonntags bis donnerstags bis 24 Uhr, freitags und samstags bis 3 Uhr, Tel. 030/12074182, heimwegtelefon.net.

BZ: Und wie helfen Sie dann?
Vogt: Wir fragen die Anrufenden zunächst, wo sie sich befinden und wohin sie wollen, dann rufen wir ihren Standort auf einem Navigationssystem auf und begleiten sie. Dabei tracken wir sie nicht, sondern lassen uns die Route in Echtzeit beschreiben. Währenddessen sprechen wir über ganz alltägliche Dinge. Derzeit sind es 200 bis 220 Anrufe pro Woche – trotz Corona. Die meisten Gespräche dauern fünf bis sieben Minuten, es kann aber auch mal eine Stunde gehen.

"Wer telefoniert, ist kein leichtes Opfer, er oder sie ist nicht allein und hat eine aufrechtere, selbstbewusstere Körperhaltung."

BZ: Was tun Sie, wenn sich dabei ein Angriff ereignet?
Vogt: Dann rufen wir mit einem zweiten Telefon die örtliche Polizei und teilen ihr den Standort und den Namen des Opfers mit. Doch das ist selten nötig, mehr als 99 Prozent der Anrufenden bringen wir sicher nachhause. Wer telefoniert, ist kein leichtes Opfer, er oder sie ist nicht allein und hat eine aufrechtere, selbstbewusstere Körperhaltung. Das hält Täter ab.

BZ: Was halten Sie von Pfefferspray?
Vogt: Nicht viel, weil man den Umgang gut üben müsste, damit es im Ernstfall nutzt, statt schadet. Gut ist hingegen ein regelmäßiges Selbstverteidigungstraing – und Licht. Wenn man Straßenzüge mit Bewegungsmeldern ausstattet, bringt das viel und spart langfristig sogar Geld.

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