Erbauung, Meditation und Andacht zugleich

Sabine Model

Von Sabine Model

Mi, 08. Mai 2019

Heitersheim

Erstmals machte die Reihe "Mit Bach durch die Regio" auch in der Heitersheimer Kirche St. Bartholomäus Station.

HEITERSHEIM. Orgelmusik ist Erbauung, Meditation und Andacht zugleich. Die ökumenische Orgelkonzertreihe "Mit Bach durch die Regio" trägt dieses Erlebnis seit über 20 Jahren alljährlich im Mai im Umkreis der Bezirkskantorate Freiburg, Münstertal und St. Peter in sieben bis acht Kirchen. Dort üben die Organisatoren Hae-Kyung Jung, Karin Karle und Johannes Götz ihren Dienst aus. Erstmals genossen auch Orgelliebhaber in Heitersheim dieses Privileg.

Eine halbe Stunde vor dem Konzert lässt Hae-Kyung Jung an der renovierten Orgel ihre Hände nochmal flink über die noch stummen Tasten gleiten. Die Klangfarben hat sie längst gestimmt. "Die Orgel ist brillant intoniert, aber nicht aufdringlich", stellt sie fest. Vor allem von den "Zungenstimmen" für die Bläser-Imitation ist sie begeistert. Sie sind alle da. "Das ist nicht bei jeder Orgel so", lässt sie wissen. Ihre Straßenschuhe hat sie gegen Orgelschuhe vertauscht. Glatte Sohlen, kleiner Absatz. "So kann man das Pedal besser spielen", erklärt sie. Bei jedem dieser Konzerte braucht es Bach plus einen weiteren Kirchenmusiker. Die Bezirkskantorin aus der Christuskirche Freiburg hat als Entsprechung Bachs Lieblingsschüler Johann Ludwig Krebs gewählt. "Für die barocke und galante Musik passt die Orgel in Heitersheim perfekt", so die Musikerin.

Die Zuhörer hatten sich in der lichtdurchfluteten, neu gestalteten Kirche verteilt. Pünktlich setzte die Orgel ein mit dem "Präludium et Fuga" in C-Dur von Krebs. Das Werk begann mit Läufen auf dem Manual, schwang sich zu einem virtuosen Pedal-Solo auf und führte in eine kraftvolle Interpretation. Die Fuge spielte mit den Themen, melodiöser, als man es von Bach gewohnt ist. Der jüngere Krebs tritt schlichter und klarer auf. Galant eben. Dem neueren Klangzeitalter verbunden. Gleichwohl ist bei beiden Kirchenmusikern nicht immer eindeutig, wer von wem profitiert hat. Doch am Schluss des Programms schloss sich der Kreis mit einer ähnlichen, vergleichsweise opulenten C-Dur Komposition von Bach. Toccata, Adagio und Fuge verfügten über das gesamte Spektrum eines klassischen Barockwerks. Massive, schwere Passagen, Schnörkel und polyphone Mehrstimmigkeit. Die Komposition präsentierte sich dicht und ohne Verschnaufpause mit zumeist fulminantem Duktus. Das Pflichtstück für alle Konzerte in diesem Jahr ist die "Fantasie in c-Moll" von Johann Sebastian Bach. Die vier Stimmen mit ihren kontrastierenden Motiven starteten versetzt. Mit ruhiger Hand und deutlichen Konturen zeichnete die Organistin fantasievolle Gegenbewegungen nach. Variabel, bedächtig. Im letzten Teil wurde man an Bach-Passionen mit all ihrer leidvollen Trauer erinnert. Ein magischer, nachösterlicher Moment. Die drei folgenden Kompositionen von Krebs bildeten dazu einen Gegenentwurf. Lebendig, beseelt, stellenweise fast humorvoll kam die "Fantasia in F-Dur" daher. Etwas ernster, entschlossen eindeutig, aber dennoch thematisch verspielt setzte die "Fuga in B-Dur" Akzente. Eigenwilliges italienisches Flair verbreitete die "Fantasia à gusto italiano in F-Dur". Die Resonanz der anhaltenden, tiefen Borduntöne lieferten der wiegenden Melodie ein tonales Fundament als Orientierung. Das verlieh dem Stück einerseits einen geerdeten Charakter, gleichzeitig aber auch eine interessante schwebenden Stimme.

Markante Ausprägungen von Krebs und Bach vereinten sich in der Choralbearbeitung "Wir glauben all‘ an einen Gott". Immer wieder blitzten Melodieteile auf, variiert und entfremdet, um wieder zum Ursprung zurückzufinden. Eine exakte Zuordnung zu Lehrer oder Schüler war kaum zu treffen. Die später gewählte Version, die Bach unterstellt wird, gab sich verblüffend gesanglich-melodisch und ließ wiederum den Einfluss des Schülers erahnen. Weitaus prominenter fiel der Unterschied bei dem Choralwerk "Von Gott will ich nicht lassen" aus. Während Krebs fast leidenschaftlich-lebensfroh mit dem Choral zu kokettieren scheint und ihm einen furiosen Abschluss beschert, wird das Thema bei Bach bedächtig-getragen erlebt. Man könnte meinen, der Meister empfindet den Choral Wort für Wort in seiner Bedeutungstiefe nach. Andächtig. Ergriffen.

Einige Zuhörer blieben nach dem Konzert sitzen. Ließen das Gehörte nachklingen. Warteten nach kräftigem Applaus auf eine Zugabe und die Organistin. Beides blieb leider aus. Dennoch hätte keiner der Anwesenden die berührende Stunde Orgel-Gottesdienst missen wollen. Schade, dass es nicht mehr Zuhörer waren.