Mulhouse und sein kleiner Botschafter des Polarmeers

Bärbel Nückles

Von Bärbel Nückles

Mi, 13. Januar 2021

Mulhouse

Nach der zweiten Eisbärengeburt im Zoo zeigt sich die zehnjährige Sesi auf den ersten Videoaufnahmen als umsichtige Mutter.

. Vorerst haben Menschenaugen den kleinen Eisbären nur mittelbar gesehen. Während die Bärendame Sesi in ihrem Rückzugsort im Zoologischen Garten von Mulhouse ihr Junges versorgt, ist eine noch vor der Geburt angebrachte Kamera dabei. Deren Bilder geraten bisweilen leidlich schlecht. "Die Kamera ist tief aufgehängt worden, damit wir die Geburt beobachten konnten", erzählt Brice Lefaux, Veterinärmediziner und Direktor des Zoos. Dadurch sei sie jedoch auch erreichbar für Sesi, die Eisbärin. Hin und wieder leckt sie über das Objektiv und sorgt mit ihrem Speichel für das verschwommene Bild. Was dieses der Welt draußen übermittelt ist, lässt dennoch keinen kalt: Das noch namenlose Junge und die Mutter bilden auf den im Halbdunkel aufgenommenen bewegten Bildern eine berührende Einheit.

Es war Sesis zweite Geburt, die sich am 22. November ereignet hat, auch die zweite Eisbärengeburt im Zoo von Mulhouse und die fünfte in Frankreich seit 20 Jahren. Eine Seltenheit. Und doch, folgt man den Ausführungen von Brice Lefaux, darf man für die Zukunft auf mehr solche besonderen Ereignisse in Gefangenschaft hoffen. Nicht nur in Mulhouse, wo vor sechs Jahren das Eisbärengehege komplett umgestaltet worden war, auch anderswo seien zoologische Gärten heute artgerechter und für die Fortpflanzung der Eisbären geeigneter.

Derzeit stellt die zehnjährige Bärin wie schon beim 2016 geborenen Nanuq unter Beweis, dass sie eine umsichtige Mutter ist. Die etwa 300 Kilo schwere Sesi schubst ihr Kind vorsichtig an eine ihrer Zitzen. Im Vergleich zur kolossalen Mutter war es bei der Geburt leicht "wie eine große Ratte" (Lefaux) und brachte geschätzt 500 bis 800 Gramm auf die Waage. Genaue Angaben seien unmöglich, so der Tierarzt. Schließlich habe sich noch niemand dem kleinen Eisbären nähern können. "Sesi kontrolliert permanent, wie es sich bewegt", lobt der Zoo-Direktor, "und sie trifft die richtigen Entscheidungen, ohne in Panik zu verfallen." Vor zwei Wochen habe das Junge erstmals die Augen geöffnet und erreiche nun in etwa die Größe einer großen Katze.

In der Natur wäre wohl alles anders verlaufen. "Niemand hat genaue Kenntnisse, wie häufig neugeborene Eisbären in der Wildnis überleben", sagt Lefaux. Eisbärinnen suchen sich eine Höhle, einen sicheren Unterschlupf, mitunter ziehen sie sich unter den Schutz einer von Schnee bedeckten Wurzel zurück. Auch in der Wildnis isolieren sie sich für die ersten Monate. Ohne zu fressen, allein darauf konzentriert, Kräfte zu sparen, damit sie ihr Junges versorgen können.

Auch Sesi, sagt Lefaux, bewege sich zurzeit so wenig wie möglich und zehre von ihren Fettreserven. Erst, wenn sie bereit sei, zum ersten Mal wieder zu fressen, werde sie sich nach draußen begeben. "Sie allein bestimmt, wann dieser Moment gekommen ist", betont Lefaux. Für die Veterinäre und die Pfleger ist dann ein entscheidender Moment gekommen: Wenige Minuten werden ihnen zur Verfügung stehen, um den kleinen Eisbären oder die kleine Eisbärin in Augenschein zu nehmen und das Geschlecht zu bestimmen. Nanuq, die ältere Schwester, hat Mulhouse im Frühjahr 2020 verlassen. 2017 war sie knapp vier Monate alt gewesen, als sie zum ersten Mal das Gehege erkundet und die Öffentlichkeit sie zu Gesicht bekommen hat.

Bis es diesmal soweit ist, darf demnächst auf der Webseite des Zoos wieder über den Namen des Eisbärenkindes abgestimmt werden. Unter einer Bedingung allerdings: "Wir möchten, dass sich die Leute für ein Tierschutzprojekt engagieren", sagt Lefaux. "Ein Eisbär ist keine Puppe", erklärt er, "für uns ist er auch ein Botschafter des Polarmeers, das unter der Klimaerwärmung leidet."

Auf der Seite http://www.zoo-mulhouse.com (französische Fassung) ist unter "Le Parc" und "Actualités" ein Video von Mutter und Kind zu sehen. Siehe erster Button ("Nanuq a un petit frère ou une petite soeur").