Blindenführhunde

In Allschwil werden seit bald 50 Jahren Helfer auf vier Pfoten ausgebildet

Annette Mahro

Von Annette Mahro

So, 15. November 2020 um 14:20 Uhr

Schweiz

Seit bald 50 Jahren züchtet und trainiert eine Stiftung in Allschwil Blindenführhunde und andere Assistenztiere. Bis heute wurde in Allschwil etwa 1000 Hunde ausgebildet.

Den Mann an ihrer Seite lässt Shiva kaum aus den Augen. Auch ihre Umgebung muss die 18 Monate alte Labradorhündin sehr genau im Blick behalten. Gilt es doch, bewegten oder stehenden Hindernissen zuverlässig auszuweichen, vor Gefahrenstellen zu stoppen oder beispielsweise Fußgängerampeln anzuzeigen. Beim Ausweichen muss der Bogen, den die angehende Blindenhündin beschreibt, weit genug sein, dass neben ihr ein Mensch unbeschadet vorbeikommt. Noch ist es an Hundeführer Philipp Eugster, Hindernisse zu erkennen und sie zu Übungszwecken anzusteuern. Beim Training, das dem Tier sehr viel Konzentration abverlangt, ist positive Verstärkung alles. Mit Lob und Leckerli wird deshalb nicht gespart.

Mehr als doppelt so viele Welpen

Eugster, der die Berufsbezeichnung "Eidgenössisch diplomierter Blindenführhundeinstruktor" trägt, ist ganztags und hauptberuflich im Einsatz und einer von 53 Festangestellten der "Stiftung Schweizerische Schule für Blindenführhunde" in Allschwil im Kanton Baselland. Gegründet wurde die Schule, die bis heute etwa 1 000 Blindenführhunde ausgebildet hat, 1972. Mehr als doppelt so viele Welpen sind in dieser Zeit aus der Zucht hervorgegangen, die ihrerseits zum Stiftungszweck gehört, der "Förderung der Mobilität, der besseren Lebensqualität und Teilhabe von blinden und sehbehinderten Menschen im Alltag durch hierfür geeignete Hunde".

Auch wenn ausschließlich ausgewählte Labrador-Zuchtlinien zum Einsatz kommen, erweisen sich am Ende längst nicht alle Junghunde, die in Allschwil das Licht der Welt erblicken, als geeignet für das anspruchsvolle Blindenhundedasein. Wer etwa einen sehr großen Jagdtrieb mitbringt oder die Nase immer am Boden hat, der wird eher einen anderen "Berufsweg" einschlagen oder Familienhund werden. Seit 2012 werden auch Assistenzhunde ausgebildet, die Rollstuhlfahrer in ihrem Alltag unterstützen und beispielsweise Türen oder Schubladen öffnen und schließen können, Schalter drücken oder Gegenstände apportieren.

Italienische Kommandos

Ganz selbstverständlich hebt denn auch die zweijährige Omnia das Leinenende, das ihre Ausbilderin hat fallen lassen, wieder auf und legt es ihr in den Schoß. Mit der zu Boden gefallenen Zwei-Franken-Münze wird die Aufgabe schon schwieriger, aber auch das gelingt. Sie würde auch das Telefon bringen oder die Beinprothese. Diesmal ist es vor allem das Lob, das die Hündin motiviert: "Brava!" Omnia zeichne sich durch einen ausgesprochenen "Will to please" aus, erklärt Instruktorin Simone Ruscher. Dass italienische Kommandos genutzt werden, habe mit dem Vokalreichtum der Sprache zu tun, aber auch damit, dass sie hierzulande seltener zu hören sind. Italienische Hundeführer nutzten umgekehrt übrigens gerne das Deutsche.

Hoch geschätzt ist neben all der Hilfe, die die Hunde leisten, ihre soziale Rolle. Wird doch die Rollstuhlfahrerin dank des Tieres ganz anders wahrgenommen und im Gesicht vieler Entgegenkommenden zeichnet sich beim Anblick des Gespanns ein Lächeln ab. Schnell wird der Hund zum Thema, der Rollstuhl Nebensache. Ähnlich ist es bei den seit 2012 in Allschwil ausgebildeten Autismusbegleithunden, die ihrerseits an ihrem Arbeitsgeschirr erkennbar sind. Sie stehen Familien mit autistischen Kindern zur Seite. Den Kindern bieten sie Schutz in Alltagssituationen und emotionalen Halt.

Auch hier wächst die Akzeptanz dank des Hundes oft, und das nicht zuletzt aufgrund verbesserter Erkennbarkeit. Dass Blinden-, Assistenz- und Autismushunde im Arbeitsmodus von Außenstehenden keinesfalls abgelenkt, angesprochen, gestreichelt oder gar gefüttert sollen, versteht sich von selbst.

Pro Hund rund 65.000 Franken Kosten

Anders als bei den Blindenführ- und Assistenzhunden, die in der Schweiz von der Invalidenversicherung IV mitfinanziert werden, übernimmt bei den Autismushunden niemand die Kosten. Hier springt die Stiftung, die sich zu rund 90 Prozent aus Spenden und Erbschaften finanziert, selbst ein. Während für einen Blindenführhund in der Schweiz eine Einführungspauschale von 10 000 Franken sowie eine monatliche Miete von 350 Franken anfallen, kostet der Assistenzhund einmalig 15 500 Franken. In beiden Fällen glichen die Summen aber nur einen Bruchteil der für die Schule anfallenden Kosten aus, erläutert Geschäftsführer Gérard Guye. Für einen Blindenführhund beziffert er sie auf rund 65 000 Franken. Auch ins grenznahe Deutschland werden Hunde vermittelt, hier finanziert über die Krankenkassen.

Die Hunde bleiben üblicherweise im Besitz der Stiftung, die sie umgekehrt ein Hundeleben lang begleitet und in vielen Fällen auch Futter- und Tierarztkosten übernimmt. Umgekehrt nimmt man sich Zeit, die passenden Hunde für die zukünftigen Hundehalter sehr genau auszuwählen, schließlich müssen die Gespanne später perfekt harmonieren. Für die sehr sportliche Shiva wird beispielsweise ein Mensch gesucht werden, der mit ihrem Temperament mithalten kann. Noch begleitet sie mit großem Lerneifer ihren Lehrer und übt, der geöffneten Tür des Lieferwagens auszuweichen oder der entgegenkommenden Frau, die ins Handy vertieft ist. Auch das Absperrband auf Brusthöhe, unter dem die zierliche Hündin anders als der Mensch ohne Probleme durchkäme, gilt es zu bemerken und anzuzeigen, ebenso den Bordstein oder die Bahnschranke.

Auch Hunde brauchen Pausen

Wie für jeden menschlichen Schüler oder Arbeitnehmer sind Ruhe- und Freizeit unabdingbar. So registriert der Hund sehr genau den Arbeitsmodus, solange er das Brustgeschirr des Blindenführhundes trägt. Wird es ihm angenommen, darf und soll er über freies Feld toben, anderen Hunden begegnen und eben ganz Hund sein. Bei den neuen Haltern wird deshalb darauf geachtet, wie und wo sie den Tieren diesen Freiraum möglich machen können. Auch um den Ruhestand des alten Hundes, der seine Aufgaben nicht mehr sicher wahrnehmen kann, kümmert sich am Ende die Stiftung. Kann er nicht im gewohnten Umfeld bleiben, wird ein anderer Platz gesucht. Umgewöhnen müssen sich die Hunde ohnehin mehrmals im Leben.

Die ersten zehn Wochen verbringen sie mit der Mutter in Allschwil, die ihrerseits sonst als Familienhund lebt. Anschließend wechseln die Welpen zu Patenfamilien, die sich bis zum Ausbildungsbeginn um sie kümmern. Die acht- bis zehnmonatige Ausbildungszeit leben die Junghunde dann eng mit ihrem Ausbilder zusammen, bevor es nach abgelegter Blindenführhundeprüfung zur sehr intensiv begleiteten Übergabe kommt.

Äußerst umworben sind übrigens alle Hunde aus Allschwil. Ob es um Patenfamilien für die Junghunde geht, um "Pensionäre" oder alle die, die später stundenweise als Sozialhunde etwa in Pflegeheimen zum Einsatz kommen: Jeder neue Platz wird sehr genau ausgewählt, ist doch der Stiftung eine gute Zuteilung für Hunde und Halter wichtig. Sie führt in allen Bereichen Wartelisten.