Geheimnis einer 1700-Jährigen gelüftet

BZ-Redaktion

Von BZ-Redaktion

Do, 08. April 2021

Basel

Der spektakuläre Fund eines Bleisarges in Augst sorgte 2016 für Aufsehen – eine Sonderausstellung gewährt nun vertiefte Einblicke.

(BZ). Die Sonderausstellung "Unter der Lupe – einer römischen Lebensgeschichte auf der Spur" ist seit dem Wochenende im Museum Augusta Raurica in Augst zu sehen. In der Römerstadt ist 2016 bei einer Notgrabung ein spektakulärer Bleisarg aus der Römerzeit gefunden worden, der von zahlreichen Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen eingehend untersucht wurde. Die zugehörige Ausstellung bietet nicht nur einen spannenden Einblick in das Leben einer wohlhabenden Frau vor 1700 Jahren, sondern auch in die Arbeitsweise von Archäologen.

Im Museum Augusta Raurica beleuchtet die neue Sonderausstellung "Unter der Lupe" die fachübergreifende Zusammenarbeit der archäologischen Wissenschaften und lässt Besucherinnen und Besucher in die faszinierende Arbeitsweise von Archäologen eintauchen, heißt es in es in einer Pressemitteilung.

Es war schon länger bekannt, dass unter der Augster Hauptstraße ein großes Gräberfeld liegt. Da Bleisärge aus römischer Zeit aber sehr selten sind, war die Entdeckung eines solchen im Spätsommer 2016 eine Sensation. Särge aus Blei waren in römischer Zeit teuer und daher wohlhabenden Persönlichkeiten vorbehalten. In Augusta Raurica sind bisher nur vier Exemplare bekannt. Umso größer war die Überraschung, dass sich der Neufund beinahe intakt zwischen den Fundamenten der neuzeitlichen Häuser und Leitungsgräben erhalten hatte. Daraufhin wurden breit angelegte Untersuchungen in die Wege geleitet.

Diese begannen mit der minutiösen Bergung des Sarges als Block, in einer eigens darum herum gebauten Holzkiste. Damit die zum Teil sehr fragilen Überreste korrekt geborgen werden konnten, war von Anfang an große Sorgfalt geboten, heißt es in der Mitteilung weiter. Die Freilegung erfolgte unter Laborbedingen, wobei alle Beteiligten Schutzanzüge trugen – einerseits, um sich selbst vor dem giftigen Blei im Sediment zu schützen und andererseits, um eine Verunreinigung der DNA des Skeletts zu verhindern.

Danach reisten die Artefakte in verschiedene Labore im In- und Ausland: Spezialisten aus der Schweiz und Frankreich analysierten das Skelett, die Textilreste sowie das übrige Fundmaterial. Ziel dieser aufwändigen Arbeiten war es, möglichst viel über das Leben der im Bleisarg bestatteten Frau herauszufinden. Dank der zahlreichen Analysen konnte so eine Brücke von den antiken Objekten zur modernen Wissenschaft und zu aktuellen Fragestellungen geschlagen werden. Die Ergebnisse der Untersuchung seien so spannend, heißt es in der Mitteilung, dass man sich dazu entschloss, auch einem breiten Publikum aufzuzeigen, wie spezialisiert archäologischen Forschungen heute ablaufen.

Forschungsarbeit wird von mehreren Seiten beleuchtet

Zusammengefasst hat die Untersuchung ergeben, dass es sich bei der Frau im Bleisarg um eine 44- bis 50-jährige Frau handelt, die nicht nur aufgrund des teuren Sarges, sondern auch ihrer feinen Kleidung zur Oberschicht von Augusta Raurica gehört haben musste. Sie hatte sich proteinreich ernährt, litt aber an diversen Krankheiten, und hat in einem der Glasfläschchen eine Substanz auf ihre letzte Reise mitbekommen, die zur Linderung ihrer offensichtlichen Zahnschmerzen gedient haben könnte.

Im Zentrum der Ausstellung stehen folglich nicht nur die archäologischen Objekte, sondern auch deren Erforschung und Interpretation durch die Wissenschaft: Was kann uns die aktuelle Forschung über das Leben und Sterben einer Römerin aus unserer Gegend berichten? Welche "Geschichten" lassen sich den Fundumständen und den Objekten entlocken? Ein wichtiger Teil des Konzeptes sind also auch Materialien rund um die Fundgeschichte, wie Fotos, Zeichnungen oder Fundprotokolle.

Ergänzend dazu werden Interviews mit den involvierten Personen gezeigt: Gespräche mit Archäologen, Ausgräbern, Restauratoren und Wissenschaftlern beleuchten am Beispiel des Bleisarges die Forschungsarbeit in Augusta Raurica von ganz verschiedenen, manchmal auch kontroversen Seiten: Wie geht man damit um, dass trotz aller Sorgfalt immer nur eine Annäherung an die Vergangenheit möglich ist? Und weshalb interessieren sich die modernen Menschen überhaupt für die römische Antike? Wie beeinflusst die Gegenwart unseren Blick auf die Vergangenheit? Annäherungen an diese Fragen werden an den verschiedenen Hörstationen präsentiert.

Info: Aktuell ist ein Besuch der Augusta Raurica für Menschen aus Deutschland nur mit anschließender Quarantäne bei der Wiedereinreise möglich. Aber Vorfreude darf sein: Sie läuft bis Dezember 2022.