Viele Skifahrer, kaum Köche

Fabian Nitschmann

Von Fabian Nitschmann (dpa)

Fr, 29. November 2019

Reise

In den Alpen finden Hotels und Gastronomiebetriebe nicht mehr genügend Personal / Manche schränken ihre Dienstleistungen ein.

INNSBRUCK. Am Schnee hat es in den Alpen im November nicht gemangelt. Viel größere Sorgen bereitet der Personalmangel in Hotels und der Gastronomie. Die vielen Touristen auch aus Deutschland könnten das immer öfter zu spüren bekommen.

Walter Veit führt durch den großen Keller seiner Skihütte in Obertauern. Unzählige Liter Bier werden bereits seit Wochen im Keller gekühlt, sieben Lkw-Ladungen seien es, bis Ende Februar soll das reichen. Seit Anfang September bereitet Veit die "Mankei-Alm" und sein Hotel auf die Skisaison vor. Kopfzerbrechen macht ihm der Fachkräftemangel, der sich zusehends verschärft, vor allem bei den Köchen. "Die Gäst’ finden wir leichter als die Mitarbeiter", sagt Veit und bekennt: An Dienstleistungen müsse bereits gespart werden.

Früher, so erzählt der Wirt, habe sein Personal die Zimmer "aufgebettet", während die Gäste beim Abendessen saßen. Alles fein herrichten, Betten aufschlagen, Vorhänge zuziehen, das Fernsehprogramm bereitlegen. Solche nicht zwingend notwendigen Services fallen inzwischen weg. "Es gibt ja auch immer mehr Büfetts", nennt Veit als weiteres Beispiel. Viele Gäste nehmen sich das Essen gerne selbst – und das Hotel spart so Personal.

Der Fachkräftemangel ist in der Hotellerie und Gastronomie in Tirol und anderen Skigebieten allgegenwärtig – ähnlich wie in Südbaden. Hintergrund ist der demografische Wandel. Hinzu kommt, dass sich immer mehr junge Leute für ein Studium statt für eine Ausbildung entscheiden. So fehlten in Tirol laut einem Fachkräftemonitor 2018 rund 11 000 Fachkräfte. Bis 2030 wird die Zahl voraussichtlich auf 35 000 steigen, davon 9600 im Bereich Tourismus und Freizeitwirtschaft. Hilfe, etwa aus dem benachbarten Bayern, ist nicht zu erwarten, denn dort klaffte nach Angaben der Industrie- und Handelskammer (IHK) 2018 bereits eine Lücke von 260 000 Fachkräften. Bis 2030 wird sie voraussichtlich auf 450 000 wachsen. Veit erzählt, dass derzeit besonders viele Arbeiter aus Ungarn in die Skigebiete kämen. "Es kann sich niemand mehr von uns erlauben, einen Mitarbeiter schlecht zu behandeln", sagt der Hotelier. Mitarbeiterhäuser mit Einzelzimmern seien inzwischen Standard, mancher biete sogar jedem Angestellten einen Parkplatz dazu. Doch das schlechte Image der Branche überdecke alles.

Der Tiroler Landtagsabgeordnete (Grüne) und Hotelier Georg Kaltschmid hofft auf einen Trend zum Ganzjahrestourismus. "Wir sollten lieber den schönen Herbst bewerben, als besonders früh auf den Schnee zu setzen", sagt der 39-Jährige, der in dritter Generation ein Hotel am Walchsee nahe der deutschen Grenze betreibt. Gäste kommen bisher von Mai bis Ende Oktober und von Dezember bis März. Im Ganzjahresbetrieb könnte Kaltschmidt seine 13 Mitarbeiter dauerhaft anstellen, was für sie wohl deutlich lukrativer und stabiler wäre.

Karin Lindner sieht das Problem vor allem in der fehlenden Betreuung von neuen Mitarbeitern aus dem Ausland. Mit drei Partnern hat sie daher eine private Initiative zum Kampf gegen den Mitarbeitermangel in Tirols Tourismus gestartet. Scouts sollen mögliche Arbeitskräfte in ihren Heimatländern finden und dann in einem 14-tägigen Trainingscamp auf die anstehenden Aufgaben vorbereiten. Auf dem Lehrplan stehen die österreichische Küche ebenso wie Sprachunterricht. Und vielleicht am Wichtigsten: Die Menschen können sich kennenlernen und untereinander vernetzen.

"Für Unternehmen gibt es zudem ein Fairness-Programm, bevor sie einen Mitarbeiter kriegen", sagt Lindner. Schwarze Schafe der Branche sollen nicht unterstützt werden. Ein erster Testlauf für die Trainingscamps startet im Dezember. Nächstes Jahr will Lindner bis zu acht Camps mit 50 bis 60 Menschen etwa aus Spanien, der Slowakei oder Italien anbieten. Hotelier Veit hat sein Team für den Winter bereits zusammen – falls niemand mehr kurzfristig abspringt. 55 Mitarbeiter werden sich um das Wohl der Gäste kümmern.