Filmliebhaber

Ein Freiburger hat seinen Hobbyraum in einen Kinosaal verwandelt

Stephan Elsemann

Von Stephan Elsemann

So, 28. November 2021 um 13:52 Uhr

Freiburg

Dieses kleine Museum schickt die Gäste in die Vergangenheit: Der Freiburger Herbert Schmelzer bewahrt die Analogfilm-Tradition - in seinem Hobbyraum mit ausrangierten Filmprojektoren und Vorführkabine.

Schon lange waren die Plätze für Casablanca vergeben. Die Vorführung des Filmklassikers musste nun wegen der Pandemie verschoben werden. Ingrid Bergman wird noch eine Weile warten müssen, bis sie Humphrey Bogart "ich schau dir in die Augen, Kleines", sagen hört. Herbert Schmelzer zeigt Filme – privat, nur Freunde und Filmfreunde kommen in den Genuss. Wer zum ersten Mal seinen Hobbyraum in Freiburgs Stadtteil Stühlinger betritt, ist perplex. Denn es ist ein kleiner, aber perfekt eingerichteter Kinosaal mit 18 Plätzen: mit bequemsten Kinosesseln, einer Leinwand mit Vorhängen, mit Filmprojektoren in einer lärmgeschützten Vorführkabine. Es ist alles da, was ein richtiges Kino braucht, inklusive Dolby-Surround-Ton. Den merkt man aber erst, wenn der Film angefangen hat.

Aus heutiger Sicht: wie Zusammen-Netflix-Gucken

Doch einiges fehlt auch, die Kasse mitsamt Kartenabreißer, auch Werbung und Plakate wird man vergeblich suchen. Schmelzers Filmabende sind rein private Treffen zum gemeinsamen Betrachten eines Films, ohne jeden kommerziellen Charakter. Anders darf es nicht sein, wegen der Verwertungsrechte, die auf Filmen liegen, und jede unerlaubte öffentliche Vorführung sanktionieren. Es ist vergleichbar mit einer privaten Geburtstagsfeier oder aus heutiger Sicht: wie Zusammen-Netflix-Gucken. Doch hier gibt es keinen Beamer oder Riesenbildschirm, sondern die alte Vorführungstechnik mit Filmbildern, auf die Leinwand geworfen von ratternden Projektoren, wie sie in den heutigen Kinosälen vor rund zehn Jahren durch Digitaltechnik ersetzt wurden.

Und nicht nur das, Schmelzer macht sich und und den Gästen stets eine Freude, wenn er den Abend wie im Kino gestaltet. Mit einer alten Werberolle, in der "Go West" auf den Marlboro-Mann trifft. Mit Trailern, die Filme aus den 80er und 90er Jahren anpreisen. Und mit einer kleinen Einführung in den Hauptfilm, wie "Sabrina" aus dem Jahr 1953, der Film im vergangenen Oktober. Mit einem schon sehr zerknitterten Humphrey Bogart in der Hauptrolle, der sich erfolgreich um die strahlende Audrey Hepburn bemüht, Es ist der zweite Film, der "rehäugigen", wie es immer hieß, Stilikone der 50er und 60er Jahre.

Viele Meilensteine der Filmgeschichte befinden sich in der Schatztruhe Herbert Schmelzers

"Wenn die Gondeln Trauer tragen", gehört dazu, ein Horror-Klassiker aus dem Jahr 1973, der auch heute noch extrem gruslig ist. Oder "Die drei von der Tankstelle", von 1930, einer der ersten deutschen Tonfilme. "Ein Freund, ein guter Freund...", zur Vorstellung verteilte Schmelzer die Liedtexte zum Mitsingen. Aber auch "Stirb langsam" ist dabei. Schmelzer schwärmt von der erstaunlichen Bildqualität seiner Super-8-Kopie des Bruce-Willis Klassikers.

Das Kino im Stühlinger und sein Impresario sind Bewahrer einer verschwindenden Kultur. Und das ist nicht nur nostalgisch. Bei den Abenden wird auch erlebbar, was der Film technisch eigentlich ist: einzelne Fotos auf einer Rolle, die mit großer Geschwindigkeit nacheinander projiziert werden. 24 Bilder pro Sekunde zeigt der Projektor – von einem Bild zum nächsten. Auf Position ziehen, Greifen, Aufblenden, Projizieren – und dasselbe wieder aufs Neue. Das menschliche Auge ist träge – 24 Bilder in der Sekunde reichen schon aus, damit es den Übergang von einem zum nächsten Bild nicht bemerkt. Und so entsteht ein natürlicher Bewegungsablauf, genauer: die Illusion davon, erzeugt von der Illusionsmaschine Filmprojektor.

"Da hatten sie verstanden, was Film ist, sie hatten selbst einen gemacht." Herbert Schmelzer
Wie das geht, demonstriert Herbert Schmelzer seit 2016 Kindern aus dem Schülerhort der Freiburger Hebelschule. An einem Handkurbelprojektor und in Zeitlupe werden die Greiferbewegung, die Blende für die Dunkelphase des Filmtransportes und die Standphase des Bildes bei der Projektion sichtbar. Ein anderes Mal ließ er die Schüler einen 35mm-Trickfilm selbst produzieren, sie malten mit Filzstiften auf 35mm-Klarfilm und "den habe ich dann in einer Endlosschleife im Projektor vorgeführt". Ein großer Spaß. "Da hatten sie verstanden, was Film ist, sie hatten selbst einen gemacht."

Der große, 80 Kilo schwere 35mm-Projektor tat seine Dienste im Podium des Freiburger Harmoniekinos

Dass es diesen wunderbaren kleinen Saal, ein Museum der Vorführtechnik, überhaupt gibt, verdankt Schmelzer paradoxerweise der Digitaltechnik. Denn als die gewerblichen Kinos nach 2010 digitalisiert wurden, musste die alte Analogtechnik weg. Und davon profitierte das Privatkino im Stühlinger. Der große, 80 Kilo schwere 35mm-Projektor etwa, tat viele Jahre seine Dienste im Podium des Freiburger Harmoniekinos. Schmelzers kleiner Raum ist aber längst nicht das einzige Kino dieser Art in Deutschland, rund 30 solcher Pflegeeinrichtungen für analog bewegte Bilder sind ihm bekannt.

Herbert Schmelzer ist mittlerweile 66 Jahre alt. Er stammt aus Eggenfelden im Niederbayerischen. Mit 14 Jahren war er bereits dem Film verfallen, und schon zwei Jahre mit der Schmalfilmkamera unterwegs, als er 1969 zum ersten Mal nach Freiburg kam, um seinen Kurzfilm "Nur drei blieben übrig" auf dem "Fest der jungen Filmer" vorzustellen, einem bundesweiten Festival für den jungen deutschen Film. Drei Jungs streiten sich um ein Mädchen – der mit den Blumen gewinnt. Es war sozusagen eine Kürzestfassung der "Drei von der Tankstelle".

"Hier bleiben wir, hier liegt das Geld auf der Straße." Herbert Schmelzer
Dass ein gewisser Werner Herzog ebenfalls Gast bei den Jungfilmern war, wurde Schmelzer erst viele Jahre später bewusst, als Herzog schon hochberühmt war. Seit diesen Tagen war Freiburg für ihn positiv besetzt. Und so war es folgerichtig, dass er viele Jahre später als frisch gebackener Verwaltungswirt zusammen mit seiner Frau wieder nach Freiburg fuhr, eigentlich zum Urlaub machen, um dann spontan für immer zu bleiben. "Meiner Frau gefiel es. Eine Woche später – und wir hatten für uns eine Wohnung, für meine Frau eine Arbeit und dazu noch hundert Mark auf dem Münsterplatz gefunden." Da war klar: "Hier bleiben wir, hier liegt das Geld auf der Straße", sagt er mit Augenzwinkern, und so zogen die beiden nach Freiburg.

Dem Film blieb Schmelzer treu, vor allem dem Super-8-Format, als Vermittler und Veranstalter von Festivals. Und auch seinen sonoren bayerischen Tonfall hat er über 40 Jahre in Freiburg gerettet. Es wird noch eine Weile dauern, bis in Schmelzers Kinokeller "der Beginn einer wunderbaren Freundschaft" beschworen werden kann. Falls überhaupt, denn was die Filmfreunde sehen werden, ist die um 25 Minuten gekürzte deutsche Casablanca-Fassung der Nachkriegszeit. Casablanca ohne Nazis und bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt – so wollte es der deutsche Filmverleih seinerzeit und so wurde der heutige Kultfilm bis 1975 gezeigt. Schon lange war diese zeitgeschichtliche Kuriosität nicht mehr zu sehen.