Pflegeprävention

Mit den Clowns der "Roten Nasen" zu Besuch im Evangelischen Stift

Anja Bochtler

Von Anja Bochtler

Do, 13. Juni 2019 um 00:40 Uhr

Freiburg

Jeden Mittwochnachmittag besucht ein Clownpaar des Vereins "Rote Nasen" drei Stunden lang alte Menschen im Evangelischen Stift – und zeigen dabei viel Einfühlungsvermögen.

Es ist immer dasselbe Lied, doch es klingt so unterschiedlich: "Kuckuck, Kuckuck, ruft’s aus dem Wald", singen "Monsieur Moustache" (Raphael Tanner) und "Madame Loulou" (Lucie Betz), als sie im Evangelischen Stift unterwegs sind. Mal fröhlich und laut, mal vorsichtig und zart. Jeden Mittwochnachmittag besucht das Clownpaar im Wechsel mit Kolleginnen und Kollegen das Pflegeheim. Der bundesweite Clownverband "Rote Nasen" kooperiert mit dem Dachverband der Betriebskrankenkassen, der Clowns seit Ende 2017 als Prävention in der Pflege finanziert.

Die Clowns versuchen die Bewohnerinnen auf ihren Besuch einzustimmen

Viel ist nicht los bei der ersten Station, die Raphael Tanner und Lucie Betz ansteuern – zwei Frauen sitzen sich gegenüber an einem der Tische im Essbereich, zwei andere sitzen weiter weg jeweils allein da, beide im Rollstuhl. Als sich die zwei Clowns nähern, singen sie extra kräftig und schwungvoll, um die Bewohnerinnen auf ihren Besuch einzustimmen. Bei den zwei Frauen, die zusammensitzen, gelingt das: "Ah", sagt die eine lächelnd, als sie die Gäste sieht, "hallihallo", sagt die andere. Raphael Tanner und Lucie Betz kommen zu ihrem Tisch, breiten die Arme aus, schwingen sie beim Singen hin und her. Die beiden Bewohnerinnen freuen sich, es entwickeln sich kleine Gespräche. Irgendwann ruft eine der beiden anderen Frauen, die einzeln an ihren Tischen sitzen: "Komm!"

Lucie Betz dreht sich zu ihr: "Soll ich zu dir kommen? Ja? Ehrlich?" Als sie später auch bei der anderen vorbeischaut, kommt lange keine Reaktion, bis ganz zum Schluss, als sich das Clownpaar verabschiedet – da lächelt sie kurz. Die Clowns ziehen weiter, zu einem Zimmer, in dem zwei Frauen in ihren Betten liegen. Raphael Tanner und Lucie Betz nähern sich der einen mit behutsamen Schritten. Lucie Betz nimmt die Hand der Frau und sagt: "Wir haben ein Lied mitgebracht!" Als sie nun ihr Kuckuck-Lied beginnen, tun sie das langsam und leise.

"Plötzlich lachte sie. Es war, als sei sie aufgetaucht aus ihrer Versunkenheit." Raphael Tanner
Dann spielt Lucie Betz Mundharmonika, Raphael Tanner lässt Seifenblasen durch den Raum schweben. Von der Bewohnerin kommen wenig Reaktionen. Doch als die Clowns gehen, ganz am Schluss, winkt sie kurz mit der Hand. Solche Momente lieben die Clowns. Raphael Tanner erzählt, wie bei einer Bewohnerin, die immer nur regungslos im Flur gesessen war, in ihrem Gesicht etwas aufblitzte: "Plötzlich lachte sie. Es war, als sei sie aufgetaucht aus ihrer Versunkenheit."

Seit Juli 2018 läuft die Kooperation mit den "Roten Nasen". Der Dachverband der Betriebskrankenkassen finanziert die wöchentlichen Besuche im Evangelischen Stift, die jeweils rund drei Stunden dauern, mit 24 000 Euro im Jahr, sagt Reinhard Horstkotte, der künstlerische Leiter des Vereins, der sich 2003 in Berlin gegründet hat. Die Clowns seien allesamt Profis, meist Schauspieler, Musiker oder andere Künstler.

Blick auf berührende Momente

Im Evangelischen Stift kam auch davor ein Clown vorbei, doch unregelmäßig und nur über Spenden finanziert, sagt Isabel Schweier, die Leiterin des Pflegeheims. Inzwischen erreichen die Clowns jede Woche etwa 15 bis 20 der 92 Bewohnerinnen und Bewohner zwischen 64 und 100 Jahren. Auch Pflegekräfte und Besucher werden miteinbezogen.

Für das Pflegepersonal haben die "Roten Nasen" inzwischen eigene Humorseminare entwickelt, in denen es um Kraftrituale geht und darum, den Blick trotz aller Schwere auch auf schöne und berührende Momente zu lenken, sagt Reinhard Horstkotte. In Freiburg ist das Evangelische Stift bisher die einzige Einrichtung, die von der Kooperation zwischen den "Roten Nasen" und den Betriebskrankenkassen profitiert, erzählt Christian Bürger von der Betriebskrankenkasse Debeka.