Everesting

Joachim Oberföll ist mit dem Mountainbike 18 Mal aus Kuhbach zum Höhenweg gestrampelt

Uwe Schwerer

Von Uwe Schwerer

Fr, 24. Juli 2020 um 11:59 Uhr

Lahr

Den Mount Everest zu bezwingen ist zu einer populären Herausforderung geworden. Wer sich die echten Strapazen nicht antun will, kann den Riesen anders bezwingen. Das nennt sich Everesting.

Dabei handelt es sich um eine extreme Spielart kletterwütiger Rennradfahrer und Mountainbiker. Binnen eines Tages geht es darum, diese 8848 Meter bergauf zu kurbeln. Joachim Oberföll aus Lahr-Kuhbach hat immerhin einen halben Everest geschafft – direkt vor seiner Haustür, im Brudertal. Die ganz große Herausforderung kommt noch.

Corona macht einen Strich durch die Rechnung

"Ich war Anfang März ziemlich fit", sagt Joachim Oberföll, "doch dann kam die Krise und alle Rennen wurden gestrichen." Der 59-jährige Kuhbacher, ein früherer Deutscher Meister der Ü 40 im Mountainbike-Marathon, war gerade in die Altersklasse 60 aufgerückt, wo er sich ziemlich gute Chancen ausrechnete. Er hatte sich dem ambitionierten Team Rocklube aus Bayern angeschlossen, war hoch motiviert und hatte viel in die Vorbereitung investiert. Dann kam die Pandemie und warf die ganzen Planungen über den Haufen.

Was tun? Wohin mit dem Ehrgeiz? Oberföll suchte nach einer alternativen sportiven Herausforderung und griff auf etwas Naheliegendes zurück: Das Everesting, das sich in der Radlerszene großer Beleibtheit erfreut. Plattformen und Netzwerke sind voll davon. Und er entschied sich aus praktischen Gründen für eine Strecke, die er kennt und die nur einen Steinwurf von seinem Zuhause entfernt liegt: Vom Beginn des Brudertals bis hinauf zur Tafeltann auf dem beliebten Höhenweg, der den Pipelistein mit dem Schönberg verbindet.

4000 Höhenmeter und 122 Kilometer

An einem Samstag im Juli stieg Oberföll um 6 Uhr auf sein schickes Mountainbike und kurbelte zum Höhenweg. "Und weil das ja Jeder kann, bin ich umgedreht und hab das gleiche 18 Mal gemacht, bis ich ungefähr 4000 Höhenmeter und 122 Kilometer zusammen hatte", sagt er lachend. Er radelte immer wieder unermüdlich den Waldweg nach oben – stets bis zur ersten Kreuzung, dort rechts, gleich wieder links, praktisch hinter der Brudertalkapelle vorbei und hoch zur Tafeltann. Ungefähr 220 Höhenmeter bewältige er dabei pro Fahrt.

Siebeneinhalb Stunden Fahrzeit benötigte er. Pausen nicht eingerechnet. "Zwischen 18 und 20 Minuten habe ich für den Anstieg gebraucht, drei bis fünf Minuten für die Abfahrt", rechnet er vor. Gegen 15 Uhr hatte er es geschafft. Oberföll nennt das "ein kleines Everesting". Die Verpflegungsstation hatte er nicht direkt an der Strecke, sondern zu Hause eingerichtet. Den kleinen Zeitverlust, der auf diese Weise entstand, nahm er in Kauf.

Rennrad wäre auch eine Option gewesen

Natürlich gab es auch ansatzweise andere Überlegungen: "Ich hätte mir eine asphaltierte Strecke aussuchen und mit dem Rennrad fahren können, dann geht es deutlich schneller", sagt der fitte Senior, der früher auch das Fußballtor in der Region gehütet hat. "Mountainbike ist schwieriger, es rollt halt nicht. Und der Schotter auf der Abfahrt hat es in sich, vor allem in der zweiten Hälfte, wenn man müde wird."

Der Kandel, genauer, dessen Nordanfahrt von Waldkirch aus, ist häufig Gegenstand virtueller und echter Wettbewerbe. "Man könnte auch den Kandel zehnmal hochkurbeln", hat Oberföll überlegt. Wobei dieser Rennradberg mit dem anspruchsvollen Profil nicht zu seinen Lieblingen zählt. "Man könnte die Sache auch Indoor auf der Rolle fahren, was den Vorteil hat, dass man praktisch nur bergauf fährt." Aber am Ende war die Entscheidung einfach: "Ich bin ja Mountainbiker."

Sein Vorhaben war privat, die Strecke naturgemäß nicht abgesperrt. "Den Brudertalanstieg kennen ja auch Viele. Wenn ich allein sehe, wer da werktags oder am Wochenende hochfährt. Inzwischen gut 80 Prozent mit dem E-Bike", sagt der Radler. Also wusste er: Auf den rasanten Abfahrten, an denen der Radcomputer schon mal ein Tempo über 60 anzeigt, kann ihm jederzeit einer entgegenkommen. Was auch geschah bei seinem halben Everesting – in einer Kurve. Nicht ungefährlich.

"Mountainbike ist

schwieriger als Rennrad,

es rollt halt nicht. "

Wenn Oberföll und Teamkollegen radeln, dann verbinden sie das gelegentlich auch mit einem guten Zweck. Bei einer ersten Aktion mit dem Team erstrampelten sie bei Ruhpolding fast 3000 Euro. Im Brudertal waren es immerhin 40,47 Euro. "Ein Cent pro Höhenmeter war ausgemacht mit den Vereinskollegen." Bei Oberföll, dem examinierten Juristen, dreht sich derzeit viel ums Fahrrad. So gibt er derzeit Techniktraining für Mountainbiker und E-Biker. Zudem bietet er für Einheimische und Feriengäste Touren an.

Volles Everesting ist auch geplant

Diese Ausdauerleistung soll auch der Vorbereitung dienen auf das volle Eversting. Oberföll sagt, er sei die Aufgabe in jenem Tempo gefahren, in dem er auch das ganze Programm angehen würde. "Deshalb müsste ich mit dem Mountainbike auf dieser Strecke für das komplette Everesting bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 15 Kilometern pro Stunde mit 18 Stunden Fahrzeit rechnen." Bei Tempo 13,5 – eine realistische Größe, da man im Verlauf der Anstrengung naturgemäß etwas nachlässt – wären das dann schon 20 Stunden. "Mit Pausen wird es also fast ein 24-Stunden-Solo-Event", stellt er fest. Mitte August will er dann die doppelte Zahl an Höhenmetern packen. Auf der gleichen Strecke. "Ich muss 40 mal das Brudertal hoch, damit ich es schaffe."