Mitten im Wahlkampf

Kanzlerin Merkel besucht ihre Heimat – übt sie schon für den Ruhestand?

dpa

Von dpa

Fr, 10. September 2021 um 18:30 Uhr

Panorama

Die Bundeskanzlerin ist Ehrenbürgerin der Stadt in der Uckermark, in der sie aufgewachsen ist. Ein Wochenendhaus hat sie dort auch. Nun steht dort auch ein von ihr gepflanzter Baum.

Vom Kanzleramt nach Templin. Ein Ausblick auf den Ruhestand? Mitten in der heißen Wahlkampfphase um ihre Nachfolge hat sich die Kanzlerin am Freitagnachmittag jedenfalls ausgiebig Zeit genommen, ihre Heimatstadt in der Uckermark zu beehren.

Rede des Bürgermeisters, Kindergedichte, die Europahymne auf dem Akkordeon, Spatenstich für eine Kita. Und der Höhepunkt: das Pflanzen einer Linde im Bürgergarten der Kleinstadt. Es ist die Linde Nummer 7015, Bürgermeister Detlef Tabbert hat mitgezählt. Der Baum ist das Wahrzeichen Templins.

Merkel besitzt bis heute Datsche im Kurort

Merkel (CDU) ist ein Kind dieser Stadt, auch wenn sie als Tochter des Pastors Horst Kasner in Hamburg geboren wurde. Die Familie siedelte von der Bundesrepublik in die DDR über und zog später nach Templin. Hier lebte Merkel von 1957 bis 1973, bevor sie in Leipzig studierte und später in Berlin arbeitete. Bis heute hat sie eine Datsche in dem Kurort, der zwar nur 16 000 Einwohner zählt, aber mit 377 Quadratkilometern flächenmäßig die achtgrößte Stadt der Republik ist. 2019 wurde Merkel Ehrenbürgerin.

All das schwingt mit an diesem Nachmittag im Bürgergarten, wo der hohe Besuch aus Berlin tatsächlich eine Menge Bürger anzieht, es mögen 200 sein hinter einem roten Absperrband. Die Menschen beschweren sich zwar, dass die Kameraleute und Journalisten ihnen die Sicht versperren, aber sie freuen sich doch, als die Kanzlerin darüber spricht, wie sehr ihr Herz an Templin hängt.

Merkel: Hier sind meine Wurzeln

Die Stadt habe ja schon einiges erlebt, sagt Merkel - hier wird das 750. Stadtjubiläum begangen, da bietet sich ein Rückblick an. "Auch die Jahrzehnte der DDR konnten nicht ohne Folgen bleiben", führt die Kanzlerin aus. "Ich bin ja hier aufgewachsen, von 1957 bis zum Abitur. Ich weiß, wovon ich rede." Aber trotz aller staatlichen Gängelung, sie habe viele gute Erinnerungen an ihre Kindheit.

"Es wird immer so bleiben, hier komme ich her, hier sind meine Wurzeln und sie werden hier auch immer sein", sagt Merkel, inzwischen 67 Jahre alt. Und etwas später: "Ich habe während meiner politischen Arbeit viele Länder dieser Welt bereisen und kennenlernen können. Aber dass ich heute als Ehrenbürgerin meiner nun über 750 Jahre alten Heimatstadt Templin hier bei Ihnen sein darf, das erfüllt mich mit Stolz."

Die Bundespolitik wirkt schon sehr weit weg in diesem Moment

Ein Journalist versucht es mit Fragen nach Armin Laschet, dem CDU-Kanzlerkandidaten, und dessen Wahlkampf. Doch Merkel hat in 16 Jahren Kanzlerschaft gelernt, zu ignorieren. Nur die Pandemie ist kurz Thema: Merkel appelliert an die Templiner, sich impfen zu lassen. Das war"s.

Corona war auch der Grund, warum Merkel ausgerechnet etwa zwei Wochen vor der Bundestagswahl diesen entspannten Nachmittag in der Provinz verbringt. Eigentlich sollte die Kanzlerin zum 750. Stadtjubiläum im April 2020 kommen. Wegen der Pandemie habe man dies zweimal verschoben. "Das ist der dritte Versuch", erzählte Bürgermeister Tabbert (Die Linke) schon vorab. "Es freut uns, dass sie sich in diesen bewegten Zeiten die Zeit nimmt."

Halb Templin scheint die Kanzlerin zu kennen

Bald, wenn die neue Bundesregierung gebildet ist, dürfte sie für Templin noch mehr Zeit haben. Auf die Frage, ob sie künftig häufiger kommen werde, antwortet Merkel immerhin knapp: "Bestimmt." Und es scheint so, als hätten viele ihrer Mitbürger nichts dagegen - halb Templin scheint die Kanzlerin ohnehin aus dem örtlichen Edeka, vom Grillplatz oder aus einer Kinovorstellung zu kennen.

"Für mich ist die Frau Merkel definitiv vom Menschlichen her beeindruckend, was sie geschafft hat", sagt die 64-jährige Sylweli Stork, die mittags auf dem kleinen Marktplatz der Stadt mit ihrer Enkelin für eine Rostbratwurst ansteht. "Eine angenehme Frau."
"Als Mensch würde ich sie sofort wiederwählen, als Politikerin nicht mehr." Rentnerin Sylweli Stork
Politisch gilt das für die Rentnerin, früher einmal Unionswählerin, allerdings nicht mehr. Der Wahl-O-Mat hat sie eher in Richtung Linkspartei oder SPD platziert - sehr zur Überraschung der früheren Würzburgerin, die vor sechs Jahren nach Templin zog. "Als Mensch würde ich sie sofort wiederwählen, als Politikerin nicht mehr", sagt Stork. "Dass sie jetzt die Politik verlässt, ist total zu verstehen, weil, sie will auch mal ihre Ruhe haben, ne? Und sie hat jetzt wirklich nichts mehr zu sagen." Das sei traurig - aber wahr.