Keine "ganz normale" Familie

Sigrun Rehm

Von Sigrun Rehm

So, 26. Mai 2019

Freiburg

Der Sonntag Im Entführungsfall Maria H. schildern die Schwestern ein heillos überfordertes Elternhaus.

Warum ein 13-jähriges Mädchen seine Familie verlässt und mit einem 40 Jahre älteren Mann für fünf Jahre verschwindet – das ist eine der zentralen Fragen im Entführungsfall Maria H., der derzeit vor dem Freiburger Landgericht verhandelt wird. Dort ist Bernhard H. (58) angeklagt, die Freiburgerin Maria H. entführt und über Jahre teils schwer sexuell missbraucht zu haben. Beim dritten Verhandlungstag am Donnerstag sagten zwei Halbschwestern Maria H.s als Zeuginnen aus und schilderten ein von Überforderung und Lieblosigkeit geprägtes Elternhaus.

"Das Verhältnis zu meiner Mutter ist recht kühl, war es schon immer, ich habe mich da einfach nicht wohl gefühlt", sagte Sarah M. (34) im Zeugenstand. In ihrer Jugend habe es oft Streit und verletzende Worte gegeben. Treffen mit ihrem Vater, der nicht in der Familie lebte, habe ihr die Mutter verboten, sie gar einmal gezwungen, telefonisch den Kontakt mit ihm abzubrechen. So ungeliebt habe sie sich gefühlt, dass sie sich mit 16 Jahren an das Jugendamt wandte mit der Bitte, in ein Heim zu kommen, was auch geschah, so Sarah M. Ob ihre Halbschwester Maria H. (19) ähnliche Gedanken gehabt habe, fragte sie Richter Arne Wiemann in seiner freundlichen und diskreten Art. "Ja, die gab es", antwortete Sarah M. "Sie sagte, sie lebe lieber auf der Straße als zu Hause." Dass sie diese Aussage nicht ernst genug genommen habe, werfe sie sich vor – denn ein knappes Jahr später war Maria H. verschwunden.

Noch düsterer war das Bild, das Rebecca F. (37) von ihrem Elternhaus zeichnete: Sie sei von der Mutter mit Stöcken geschlagen worden und mit 13 Jahren – weil sie die Schule schwänzte, exzessiv Alkohol trank und stahl – in der Psychiatrie gelandet, dann in ein Heim gekommen, danach zu ihrem Vater, der sie auch nicht wollte, ehe sie mit 17 Jahren einen Platz im betreuten Wohnen fand. "Würden Sie sagen, dass Sie eine ganz normale Familie waren?", fragte Stephan Althaus, der Verteidiger des Angeklagten, indem er eine Formulierung aufgriff, die Monika B., die Mutter der Schwestern, bei ihrer Aussage in der Vorwoche verwendet hatte. "Nein", sagte Rebecca F., "wenn vier von fünf Kindern weg sind, ist es keine normale Familie."

Monika B., die im Prozess genau wie Maria H. als Nebenklägerin auftritt, folgte den Worten ihrer Töchter äußerlich gefasst. Seit die Situation im Streit um einen Facebook-Post der Schwestern nach Maria H.s Verschwinden Anfang Mai 2013 offenbar eskalierte, haben sie den Kontakt zur Mutter abgebrochen. Ein Sozialarbeiter des Jugendamts, der die Familie ab 1999 betreut hatte, zeichnete ein differenzierteres Bild von Monika B.: Als alleinerziehende Mutter von fünf Kindern in beengten Verhältnissen sei ihre Situation nicht leicht gewesen, aber: "Sie hat gut kooperiert und war immer offen dafür, Hilfe anzunehmen." Anzeichen für Gewalt habe er nie bemerkt, auch seien Maria H. und der jüngere der beiden Söhne nie ein Fall für das Jugendamt gewesen.

Was Maria H. ihr vor ihrem Verschwinden über Bernhard H., mit dem sie sich heimlich und gegen den Willen der Mutter traf, gesagt habe, fragte Richter Wiemann Sarah M. "Dass er ihr zuhört, sich um sie kümmert, dass sie vor ihm keine Angst hat", sagte die Zeugin. Sigrun Rehm