Mit Edith Piaf und Brigitte Macron in der Teestube

Günter H. Jekubzik

Von Günter H. Jekubzik

Do, 10. Oktober 2019

Kino

TRAGIKOMÖDIE: "Der Glanz der Unsichtbaren" erzählt von der Würde obdachloser Frauen in Nordfrankreich.

Wenn Städte mit Metallbügeln auf Parkbänken und zackigen Dekorationen in Fensternischen Obdachlosen die Ruheplätze wegnehmen, kann man vermuten, dass auch öffentliche Auffangeinrichtungen nur halbherzig betrieben werden. So ist das Zentrum "L’Envol" in einer nordfranzösischen Stadt zwar beliebt, aber nur tagsüber geöffnet. Hier drängen sie sich zum Waschen, Aufwärmen und Ausruhen: Lady Di, Edith Piaf, Salma Hayek und Brigitte Macron. Jedenfalls nennen sich die wohnungslosen Frauen selbst so.

Mit Wut und Ärger, Lust und Laune versuchen hier Betreuerinnen und Gäste, über die Runden zu kommen. Als die Stadt noch weiter sparen will, nehmen die Frauen die Sache selbst in die Hand und starten ohne Wissen der Ämter auch ein Nachtasyl. Zusätzlich holen sie mit Selbsthilfe-Gruppen, eigener Fortbildung und Berufsberatung das Beste aus sich heraus.

Mit wunderbaren Figuren und obdachlosen Frauen, die sich selbst spielen, stellt "Der Glanz der Unsichtbaren" der neoliberalen Kälte ein herzerwärmendes, fröhliches und berührendes Sozial-Märchen entgegen. Sowohl die Sozialarbeiterinnen mit ihren privaten Problemen als auch die Menschen am Rande der bürgerlichen Existenz sind so echt und glaubhaft wie selten im Film. Wie die genial-verschrobene Monteurin ihre Fähigkeiten aus dem Knast anwendet, wie die ziemlich männliche Domina ihre Qualitäten einsetzt, das ist großes Menschen-Kino im Stile von Ken Loach. Aber es wird mit einer schwierigen Klientin auch ernst – wie der Film ohnehin nie zu einer dieser Klamotten wird, die die Situation der Porträtierten zu leicht überspielen. Eine wunderbare Montage, in der die Frauen per Dias mit ihren Vorbildern und Familien verschmelzen, geht poetisch besonders ans Herz. Regisseur und Ko-Autor Louis-Julien Petit ("Rechenschaft") sollte man sich für bestes sozial engagiertes Kino merken.

Die richtig gute Zeit der couragierten Frauen dauert natürlich nicht ewig, und irgendwann greifen die Instanzen wieder. Aber die nicht mehr Unsichtbaren verlassen ihr Resort nun stolz und unheimlich elegant.

"Der Glanz der Unsichtbaren" (Regie: Louis-Julien Petit) läuft in Freiburg. Ab 6.