Würde und Eleganz

Dieter Osswald

Von Dieter Osswald

So, 17. November 2019

Kino

Der Sonntag Der Film Alles was du willst ist ein cineastisches Juwel mit großer Leichtigkeit.

Die große Filmnation Italien dümpelt im Dornröschen-Schlaf. Umso erfreulicher, dass Bella Italia nun wieder mit einem cineastischen Filmjuwel erwacht.

Altmeister Giuliano Montaldo, der einst "Sacco und Vanzetti" inszenierte, gibt in "Alles was du willst" einen eleganten Dichter, der unter Alzheimer leidet. Als zunächst widerwilliger Betreuer wird ihm der junge Alessandro (Andrea Carpenzano) an die Seite gestellt. Bald werden die beiden ziemlich beste Freunde – ein "Honig im Kopf" voller italienischer Leichtigkeit.

La dolce vita ist für Alessandro angenehmer als Arbeit. Mit seinen Freunden hängt der 23-Jährige auf der Piazza ab, prügelt sich mit verfeindeten Cliquen oder flirtet heftig mit der Mama eines Kumpels. Als es wieder Ärger mit der Polizei gibt, reißt dem Vater der Geduldsfaden. Der Sohnemann muss endlich einen Job annehmen, für 30 Euro Stundenlohn soll er Spaziergänge mit einem betagten Poeten aus der Nachbarschaft machen, der unter Alzheimer leidet.

Widerwillig stimmt der Taugenichts zu. "Alzheimer – ist das ansteckend?" oder "Ich wusste gar nicht, dass es noch Dichter gibt!", reagiert er zunächst pampig. Bald kann sich Alessandro dem Charme des eleganten Giorgio nicht entziehen.

Fußball verbindet und die Wertschätzung durch den Alten tut seinem Betreuer sichtlich gut. Dessen Clique reagiert bei einem Besuch gleichfalls begeistert. Giorgio begrüßt sie alle so herzlich, dass man bald gemeinsam per Play-Station vergnügt Fußballspiele zockt. Als zu Kriegsspielen gewechselt wird, tauchen bei dem Alzheimer-Patienten alte Erinnerungen auf, zu denen auch ein Schatz gehört, den er als Soldat vergraben haben will. Die Aussicht auf schnellen Reichtum legt beim bildungsfernen Alessandro ungeahnte Talente frei. Er recherchiert intensiv im Netz, begibt sich sogar erstmals in eine Bibliothek. Dort wird er nicht nur mit Informationen zum verschollenen Schatz belohnt, auch ein bisschen Flirt fällt in der Bücherei für ihn ab.

Mit großen Erwartungen bricht die Clique samt Dichter zum Abenteuer in die Toskana auf. "Gewidmet meinem Vater", verkündet der Abspann. Tatsächlich ist stets spürbar, wie gut vertraut Regisseur und Autor Francesco Bruni mit der Krankheit Alzheimer ist. Der 85-jährige Giorgio vergisst Namen, er verwechselt Dinge und gerät in peinliche Situationen. Aber wenngleich der Honig im Kopf ihm den Blick auf die Realität bisweilen verstellt, lässt ihm der Film stets Würde und Eleganz.

Für die coolen Jungs eröffnet die Begegnung mit dem charmanten Alten ganz neue Welten. Während Alessandro mit seinen Aufgaben wächst, erweist sich der Dichter als ziemlich bester Ratgeber in Liebesdingen. "Woher weiß man, dass man jemand gefällt?", will der frisch verliebte junge Macho wissen. "Ganz einfach. Wenn viel gelacht wird, wenn man zusammen ist, ist man auf dem richtigen Weg", bekommt er als Lebensweisheit zur Antwort.

Der drehbucherfahrene Regisseur Bruni stattet seine Figuren mit großer Glaubwürdigkeit und psychologischer Plausibilität aus. Gekonnt umgeht er die drohenden Kitsch-Klippen, stattdessen setzt er auf italienische Leichtigkeit samt pointierter Dialoge. "Sacco und Vanzetti"-Regisseur Giuliano Montaldo spielt den eleganten Poeten mit scheinbar müheloser Grandezza, derweil Newcomer Andrea Carpenzano mit lässiger Leinwandpräsenz vom protzig-trotzigen Möchtegern-Macho zum nachdenklichen Sensibelchen mutiert. Italienisch für Fortgeschrittene, zum Glück in Originalsprache mit Untertiteln.
Alles was du willst, Bundesstart am Donnerstag