Zombie-Apokalypse im "guten Amerika"

Barbara Schweizerhof

Von Barbara Schweizerhof (epd)

Do, 16. Mai 2019

Kino

Das 72. Filmfestival von Cannes eröffnete mit Jim Jarmuschs Komödie "The Dead Don’t Die".

Eigentlich ist Centerville, der Schauplatz von Jim Jarmuschs "The Dead Don’t Die", der Inbegriff des friedlichen, des gemütlichen, des "guten" Amerika. Da gibt es die beiden Cops Cliff Robertson (Bill Murray) und Ronnie Peterson (Adam Driver), die nach dem Rechten sehen. Da gibt es das altmodische Diner-Restaurant, wo Fern und Lily den besten Kaffee der Gegend ausschenken, und ein erlesenes Sortiment an Gestalten, die über ihre Popkulturvorlieben vorgestellt werden.

Tankstellenverkäufer Bobby (Caleb Laundry Jones) mag den Country-Sänger Sturgill Simpson, besonders dessen "The Dead Don’t Die". Der Song komme ihm so bekannt vor, stutzt Cliff. "Es ist ja auch unser Themen-Song", antwortet Ronnie. Und spätestens da merkt der Zuschauer, dass Jarmusch in dieser Zombie-Komödie auch das eigene Werk wie eine Art Untoten behandelt: Geradezu lüstern geistern Anspielungen darauf durch den ganzen Film, der jetzt das 72. Festival von Cannes eröffnete. Kein Geheimnis macht der Regisseur auch daraus, dass das Motiv der Zombie-Apokalypse, die über sein "gutes Amerika" hereinbricht, eine Metapher sein soll: für die Klimakatastrophe, vor der die Menschen die Augen verschließen, und für den Konsumwahn. Aus den Radios in Centerville hört man Nachrichten über "Polar-Fracking", das die Erde aus der Achse geworfen habe – was aber Experten als Eliten-Fake-News abtun.

Ronnie bemerkt nach kurzem Studium des Zombie-Verhaltens, dass es sie zu den Dingen zieht, die sie einst liebten. Prompt beginnt Carol Kane ihre Untoten-Existenz mit dem Ruf nach Chardonnay. Und für alle, die es bis dahin immer noch nicht begriffen haben, wiederholt am Schluss die Stimme von Tom Waits, der einen Walderemiten namens Bob spielt und durchs Fernglas betrachtet, wie in Centerville einer nach dem anderen ein Zombie-Opfer wird, noch mal die Lektion: Die Menschen seien zu gierig gewesen, zu konsumorientiert.

Zwar konterkariert Jarmusch die Belehrungen durch seinen typischen staubtrockenen Humor. Aber so schön es auch ist, wenn die Protagonisten sich gekonnt ausdruckslos Sätze hin und herschieben wie: "Was denkst du?" – "Ich denke: Zombies!" und "Es wird nicht gut ausgehen", verliert sich der Film doch ziemlich in seinen selbstgefälligen Witzeleien und hinterlässt schließlich wenig Eindruck. Das Publikum in Cannes zeigte sich dennoch wie gewohnt äußerst zufrieden. Wobei das sich wohl vor allem auf die Anwesenheit so vieler Stars bezog, wurde Jarmusch doch von Murray, Driver, Tilda Swinton und Chloë Sevigny begleitet.

In Cannes, betonte der Conférencier der Eröffnung, der französische Komiker Edouard Baer, sei das Publikum ja oft so illuster, dass es im Saal mehr Stars zu bewundern gebe als auf der Leinwand. Für die Eröffnungsfeier, zu der neben der von Oscar-Gewinner Alejandro Inarritu angeführten prominenten Jury auch französische Stars in großer Anzahl erschienen waren, mag das im guten Sinne stimmen. Für den Verlauf des Festivals, dem es in diesem Jahr abgesehen von einem Quentin-Tarantino-Film vor allem an großen amerikanischen Namen mangelt, könnte sich das noch als "self own", als Eigentor erweisen.