Da wackelten fast die Wände

Johannes Adam

Von Johannes Adam

Do, 12. September 2019

Klassik

Der Wiener Hoforganist Wolfgang Kogert im Freiburger Münster.

Als ob in der katholischen Kirche mit einem Schlag der Zölibat abgeschafft wäre und dem Frauenpriestertum nichts mehr im Weg stünde: Derart neu und umwerfend revolutionär wirkte dieses Orgelwerk jetzt im Freiburger Münster. Obwohl aus den frühen 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts, hat sich der Schocker "Volumina" des ungarischen Musica-nova-Großmeisters György Ligeti bis heute seine Sprengkraft bewahrt.

Das zeichnet einen Klassiker aus. Melodik spielt da keine Rolle. Im Zentrum steht allein der Klang. Dissonanz reiht sich an Dissonanz, auf Tontraube – man spricht von Cluster – folgt Tontraube. Die Farbe – oder wie der Komponist konkretisiert: die "Bewegungsfarbe" – dominiert. Vom brüllenden Ungeheuer bis hinunter an die Hörgrenze zeigt sich die Orgel bei dieser geräuschnahen Klangraumkomposition als Farbinstrument par excellence. Alles fließt. Höchst virtuos agiert der Spieler auf den Tasten nicht nur mit den Fingern, sondern auch mit Handflächen und Armen. Da wackeln fast die Wände, geraten die Säulen ins Wanken. Oberste Spielerpflicht ist stets der große Bogen.

Letzterer gelang Wolfgang Kogert nun vom Hauptspieltisch des Münsters aus mühelos, wo ihm Freiburgs Domorganist Matthias Maierhofer assistierte. Klänge bisweilen wie Geschoss-Salven, auch silbrig scharfer Mixturen-Sound. Die Orgeln wurden tüchtig durchgeschüttelt und hielten – Kompliment an die Münsterinstrumente! – dem Härtetest stoisch stand. Ebenfalls der Cluster-Ästhetik verpflichtet ist der Ligeti-Schüler Zsigmond Szathmáry. "Größtmögliche Klarheit, Dynamik und Farbigkeit sind erwünscht", lautet beim Opus "Feuertaufe" die Handlungsanweisung in der 2004 entstandenen Partitur des inzwischen 80-jährigen Klangmagiers und einstigen Freiburger Orgelprofessors. Zupackend jonglierte der Szathmáry-erprobte Interpret bei diesem Werk mit seiner Mischung aus Farben und Fetzen, pfingstlichen Feuerzungen und Elementen der mehrteiligen norddeutschen Barocktoccata. Szathmáry, der beim Konzert anwesend war, weiß eben genauestens, was auf der Orgel möglich ist. Und er kreiert in seinem Schaffen eine durchaus individuelle Qualität.

Keine Frage: Derart viel radikale, kompromisslose neue Orgelmusik in einem Münsterkonzert erfordert ein klug gewähltes, versöhnliches Schlusswort. Kogert, der 1980 geborene Wiener Hoforganist und ausgewiesene Könner im alten wie im ganz neuen Genre, entschied sich bei seiner Zugabe für Mozart. Wie klangsinnlich und bis in den letzten Winkel überaus musikalisch er dessen hübsches F-Dur-Andante KV 616 gestaltete: Schon allein das hätte den Konzertbesuch gelohnt. Und wie vertraut ihm auch die antivirtuose lyrische Romantik eines Franz Liszt ist, hatte Kogert zuvor mit dem litaneiartigen "Ave Maria" (in der Arcadelt-Version von 1862) unterstrichen.

Ein österreichischer Abend

Die ältere Musik bot Kogert primär an der barock disponierten Schwalbennestorgel. Bis in die finale Dramatik hinein schlank erklang da Mozarts große f-Moll-Fantasie KV 608. Die Kühnheit der Harmonik: Sie wurde greifbar. Und so lieblich wie anmutig gerieten die Variationen des As-Dur-Mittelteils. Wie sich aus munteren Manualiter-Läufen in höchstem Maße beseelte Musik machen lässt, demonstrierte der Wiener Gast bei Georg Muffats "Toccata duodecima". Paul Hofhaimers frühe Orgelkunst konnte mit dem Liedsatz "Tandernaken" flötigen Charme verströmen. Auch Bach durfte nicht fehlen: Die Leipziger Choralbearbeitung "Allein Gott in der Höh’ sei Ehr’" BWV 662 offenbarte prinzipale Grundstimmigkeit. Die verzierte Sopranmelodie war dem aliquotig eingefärbten Rückpositiv anvertraut. Die Adagio-Vorgabe und der lombardische Rhythmus mit seinen Drückern verbanden sich zu einem ruhigen, innigen Gotteslob der stillen Andacht. Der Kontrast zu Ligetis "Volumina" konnte kaum größer sein. Ein österreichischer, ein starker Abend.