Die Sehnsucht nach dem Frühling

Nikolaus Cybinski

Von Nikolaus Cybinski

Di, 03. Dezember 2019

Klassik

Irmelin und Doris Wolters luden bei "Stimmen im Advent" in Lörrach nach Skandinavien ein.

Hans Christian Andersens Erzählung "Die Geschichte des Jahres" nimmt die Zuhörer mit in den nordischen Winter, und der tobt sich "in den letzten Tagen des Januar (aus); ein fürchterlicher Schneesturm trieb daher." Er lässt Menschen und Tiere leiden, das Zusammenleben friert ein. "Keiner … hatte Lust, den ersten Schritt in den tiefen Schnee an den Seiten zu tun, damit der andere vorüber könne. Schweigend standen sie still. Doch "gegen Abend wurde es windstill und die Spatzen hüpften herum viel Nahrung war jedoch nicht zu finden und sie froren bitterlich." "Piep sagte der eine (Spatz) zum andern. Ich bin schlechter Laune, und dazu habe ich guten Grund." Denn für sie gilt: Erst "wenn der Frühling kommt, beginnt das Jahr." "Aber wann kommt der Frühling? Der kommt, wenn der Storch kommt."

Andersen ist in seinem Erzählthema: Der Lauf des Jahres. Und den empfanden zu seiner Zeit die Menschen ungleich stärker als wir heute, weil sie mit dem leben mussten. Seine Erzählung macht klar, wie sehr der Frühling immer herbeigesehnt wurde und die Menschen auf den Tag warteten, um bei den Blicken in den Himmel endlich zu sehen: "doch durch die Lüfte kam der erste Storch, der zweite folgte; ein schönes Kind saß auf dem Rücken jedes von ihnen und sie schwebten auf das offene Feld nieder und küssten die Erde und küssten den alten stillen Mann, der wie Moses auf dem Berge, von einer Wolke getragen, verschwand."

Kein Zweifel, man sollte diese Andersensche Mischung aus Lebenshärte und Lebenshoffnung im Ohr haben, wenn man Irmelin, das sind Eva Rune, Karin Ericson und Maria Misgeld, zum Auftakt der "Stimmen im Advent" in der evangelischen Stadtkirche in Lörrach schwedische Volkslieder singen hört. Und sich zunehmend fragt, woher es kommt, dass in diesen Liedern eine sich wiederholende Langsamkeit, genauer gesagt: eine Bedächtigkeit vorherrscht, in der sich eine stille, selten offen ausgesprochene Melancholie verbirgt. Ja, im dritten, den Sommer begrüßenden Gesang, da ertönt ein ländliches Froh- und Fröhlichsein, Vogelgezwitscher, Gebimmel der Kühe und Ziegen, Pfeifen der Bauernburschen schwirren durch die Luft. Doch die bukolische Leichtigkeit ist nur von kurzer Dauer, bereits "jetzt naht die Stunde der Ruhe", und von ferne ist zu hören, dass "die Glocken der Geburt klingen." Kann sein, mein erster Höreindruck ist nicht zutreffend, doch da ich und die Zuhörer nicht wussten, wovon diese Lieder reden, ist anzunehmen, dass sie das alte bäuerliche Landleben ausdrücken. Und das war ja geprägt durch eine im Jahresablauf festgelegte, sich wiederholende Eintönigkeit.

Irmelin zuzuhören, war schön; die Einfachheit ihres Singens, weit entfernt von jeder professionellen Stimmentfaltung, war diesen Liedern durchaus angemessen und erklärt den Erfolg der Drei seit nunmehr 20 Jahren. Bedauerlich war, dass sie ihre erläuternden Kommentare mit viel zu leiser Stimme und ausschließlich auf Englisch gaben. Doris Wolters, seit Jahren gern gehörte Stimme bei den "Wintergästen", las Andersens Erzählung mit bewusst bedachter Sachlichkeit, und bildete auf diese Weise mit den Sängerinnen ein harmonisches Ensemble. Langer Beifall, und die Reihe der Zugaben nutzte Irmelin zur Promotion ihrer CD.

Termin: Am Sonntag, 8. Dezember, 17.30 Uhr, liest Vincent Leittersdorf bei "Stimmen im Advent" in der evangelischen Stadtkirche Lörrach Texte von Robert Walser, dazu singt Christian Zehnder und Matthias Loibner spielt auf der Drehleier.