Klassik

Fulminanter Auftakt für den neuen Albert-Konzerthauszyklus dank Pianistin Martha Argerich

Alexander Dick

Von Alexander Dick

Do, 19. September 2019

Klassik

Das ist doch ein Entree. Verklärend, schmeichlerisch, zärtlich, ganz surreal spielt das Orchestra della Svizzera italiana unter Charles Dutoit das Finale aus Maurice Ravels „Ma mère l’oye“ mit dem stimmungsvoll-impressionistischen Titel „Le jardin féerique“. Und danach kommt sie, die Zauberfee und setzt sich ans Klavier:

Martha Argerich, nach drei Jahren Abstinenz wieder zu Gast bei den Freiburger Albert-Konzerten, sorgt für eine brillante Saisoneröffnung im voll besetzten Konzerthaus mit Ludwig van Beethovens erstem Klavierkonzert C-Dur. Gewiss, die Exposition des ersten Satzes verbreitet alles andere als Zaubergartenstimmung – zunächst. Doch wenn Martha Argerich gegen Ende der Durchführung den Marschduktus dieses Sturm-und-Drang-Werks ganz lyrisch abdunkelt, wenn sie die chromatischen Triolenketten in extremem Pianissimo nach unten ausperlen lässt, dann hat sie einen Beethoven’schen Zaubergarten erschaffen.

Das "Feuer" in ihrem Stakkato-Anschlag

"An Feuer, Schwung und unbändiger Kraft dürfte niemand Martha Argerich übertreffen", notierte Joachim Kaiser, der feinfühlige Kenner der Klavierliteratur und ihrer Interpreten schon vor Jahrzehnten. Ein Satz den man anno 2019 gerne unterschreibt, wenn man verfolgt, wie Argerich dieses Klavierkonzert nach der für das Entstehungsjahr 1795 völlig neuen, ungewöhnlich langen Orchestereinleitung angeht: Aus dem Innehalten der ersten Klaviertakte heraus entwickelt die Künstlerin die Sechzehntel-Kaskaden mit jener Brillanz, die ihre Motorik von jeher ausgezeichnet hat: das Thema filigran herausgemeißelt aus dem moto perpetuo, die Tonfluten stets transparent durch die Partitur lenkend.

Den langsamen Satz nimmt sie vollends als Poesie. Die thematischen Verzierungen sind kein schmückendes Beiwerk, sondern die Musik konstituierende Elemente. Und im Rondo-Finale, mit seinem Beethoven-typisch grimmigen Humor, zeigt sie einmal mehr das "Feuer" in ihrem Stakkato-Anschlag, das schon im zarten Piano zu glimmen beginnt. Solchermaßen aufgewühlt, entscheidet sie sich für Scarlattis d-Moll-Sonate K 141 mit ihren prickelnden, burlesken Linien als Zugabe: ein Spielrausch, aus dem, wie beim Beethoven-Finale, Argerichs Sinn für Spielwitz hervorblitzt.

Den unterstützen Charles Dutoit und das Orchester aus Lugano, das bis Ende 2017 noch vom Schweizer Radio RSI Rete Due getragen wurde und nun zur selbstständigen Trägerschaft gezwungen ist, nach Kräften. Wobei der solide Holzbläsersatz Argerichs Pianissimo-Nuancen nicht immer ganz adäquat zu erwidern versteht. Es liegt wohl auch am Dirigenten. So wie Charles Dutoit Haydns Londoner Sinfonie Nr. 104 und als Zugabe Mozarts "Figaro"-Sinfonia musizieren lässt, ist das abgeklärt, routiniert, aber nie originell. Wetten, dass das Orchester zu mehr in der Lage wäre?