Die Zeit ist abwesend

Alexander Dick

Von Alexander Dick

Di, 25. Juni 2019

Klassik

"Music for 18 Musicians" mit der Holst-Sinfonietta im E-Werk.

Zeit? Gibt es nicht in dem Stück. Jedenfalls scheint man sie zu vergessen. Freilich, das ist eine Täuschung, eine trügerische Wahrnehmung. Aber Steve Reichs "Music for 18 Musicians", uraufgeführt 1976, geht genauso minimalistisch, wie sie kommt. Wobei die Abfolge von rhythmisch gleichen Tönen, über die sich im Verlauf der rund 60 Minuten Spieldauer Interferenzen schieben, in den letzten Takten einzig der Violine anvertraut ist – ein richtig fieses Ende für den Interpreten. Doch Cornelius Bauer bringt die Sache wacker zu Ende. Der Vergleich mit dem Uhrwerk verbietet sich – die Zeit ist ja abwesend...

Es ist eine rundum bewundernswerte Produktion, die die Freiburger Holst-Sinfonietta (Leitung: Klaus Simon), die Black Forest Percussion Group (Leitung: Lee Ferguson) und die vier Sängerinnen Vera Hiltbrunner, Catriona Bühler, Svea Schildknecht und Barbara Ostertag an zwei Abenden hintereinander im Freiburger E-Werk meistern: ein zentrales Werk des New Yorker Minimalismus, in großer Präzision interpretiert. Dass das nämlich alles viel schwerer ist im Zusammenklang, als man ob der scheinbaren Einfachheit der kurzen musikalischen Formeln – Patterns – vermuten könnte, leuchtet schnell ein. Denn abgesehen davon, dass die permanente, regelmäßige Motorik, gerade bei Marimba- und Xylophonen so etwas wie "Kondition" abverlangt: Reichs Opus ist auch in seiner um elf Akkorde kreisenden Harmonik nicht unkomplex – auch hier ist ein Mechanismus gefragt, bei dem Räder in unterschiedlichster Größe ineinandergreifen. Und dann sind da die dynamischen Prozesse eines An- und Abschwellens, das zum Beispiel die vier Sängerinnen wie mit einer Stimme praktizieren, und das von Klangregisseur Roland Breitenfeld im Zusammenwirken mit den anderen Stimmen präzise austariert wird.

Übrigens: Dass in den einzelnen Abschnitten des Stücks auch die Instrumentalfarben wechseln, man nimmt es eher unterbewusst wahr. "Wenn Sie tonale Musik schreiben wollen, wieso schreiben Sie dann keine tonale Musik?", soll Gastprofessor Luciano Berio den stilistisch verunsicherten Studenten Steve Reich an der New Yorker Juillard School einst gefragt haben. "Music for 18 Musicians" ist ein großartiges Beispiel dafür, wie zweitrangig Dogmen sein können. Ebenso wie die Zeit.

Weitere Aufführung: Museum Tinguely, Basel, 25. Juni, 20 Uhr.