Im Spannungsfeld von Monumentalem und Intimem

Alexander Dick

Von Alexander Dick

Do, 05. Dezember 2019

Klassik

Susanna Yoko Henkel, Francesco Angelico und das Philharmonische Orchester Freiburg mit Werken von Beethoven und Casella.

Das Musikland Italien Anfang des 20. Jahrhunderts jenseits von Puccini ist noch immer für die meisten terra incognita. Weshalb auch der Name Alfredo Casella – noch deutlich mehr als der seines wenig älteren Zeitgenossen Ottorino Respighi – unterhalb der Wahrnehmungsschwelle geblieben ist. Am bekanntesten wurde er hierzulande in Tonsetzerkreisen wohl durch seine Instrumentationslehre "Die Technik des modernen Orchesters", verfasst unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg. Und – in der Tat – was Casella hier zu den spieltechnischen Möglichkeiten der modernen Orchesterinstrumente zusammengetragen hat, ist beeindruckend.

Vielleicht könnte man seine in jungen Jahren entstandene Sinfonie Nr. 1 h-Moll als eine Art Machbarkeitsstudie begreifen: über die Klangmöglichkeiten des Orchesterapparats. Das legt jedenfalls die Interpretation durch das Philharmonische Orchester Freiburg im Konzerthaus unter dem italienischen Gastdirigenten Francesco Angelico nahe. In dieser Musik brodelt es, in dieser Musik wird das Orchester zum permanenten An- und Abschwellinstrument, in dieser Musik jagen sich die Effekte. Und wer nach vier Sätzen immer noch nicht begriffen hat, was chromatische Tonfolgen sind, tja, der sollte sich Casellas Instrumentationslehre zulegen... Das Philharmonische Orchester nimmt sich dieser Musik im Spannungsfeld von Monumentalem und Intimem mit spürbarem Einsatz an. Eindringlich sind die Soli, etwa von Englischhorn, Cello und Violine, aber auch die mitunter fanfarenartigen Passagen beim Blech. Man hört die Reife des Orchesters in der Musik der Spätromantik und ihrer Tendenzen. Davon zeugt auch der sphärische, äußerst homogene Streicherklang.

In Beethovens ziemlich genau 100 Jahre älterem Violinkonzert, mit dem der Abend beginnt, sind andere Tugenden gefragt. Zumal Francesco Angelico dem Orchester eine historisch informierte Spielkultur abverlangt. Was heterogene Eindrücke hinterlässt. Die Pauken klingen unter den harten Schlegeln unausgewogen. Und dem Dirigenten gelingt es den ganzen ersten Satz über nicht, minimale Verzögerungen bei den Einsätzen der eine Spur zu scharf wirkenden Holzbläser zu verhindern – das ist schlicht ein dirigiertechnisches Problem. Dafür ist die Dynamik bei den Streichern äußerst differenziert behandelt, gleiches gilt für Phrasierung und Artikulation. Und dann ist da mit Susanna Yoko Henkel eine Geigerin am Werk, die einen äußerst kultivierten, gewinnenden Beethoven-Ton pflegt.

Die gebürtige Freiburgerin verzaubert schon mit dem "Intro", den aufsteigenden Septakkordbrechungen, mit einem bestechend schönen Ton, der bis in die hohen Lagen auf der E-Saite mit Klarheit, Brillanz, zugleich aber Intimität ausgestattet ist. Henkels Gestaltung ist von zeitloser Schönheit, auch dank eines unglaublich ausgewogenen, feinsinnigen Vibratos. Mit den fein strukturierten Kadenzen Fritz Kreislers unterstreicht sie ihre technische Überlegenheit. Den Höhepunkt an Innigkeit, auch im Zusammenspiel mit dem Orchester, markiert wohl der langsame Satz: War Beethoven von dieser Welt? Nach diesem Abend hat man seine Zweifel.