Immer die große Geste

Bettina Grabbe

Von Bettina Grabbe (epd)

Di, 16. Juli 2019

Klassik

Eine Diva des leidenschaftlichen Chansons: Die italienische Sängerin Milva wird 80.

Leuchtend rote Haare und eine rauchige Altstimme: Kraftvolle Lieder wie "Hurra, wir leben noch" und "Freiheit in meiner Sprache", Songs von Bert Brecht und Mikis Theodorakis haben die italienische Sängerin Milva bekannt gemacht. Wegen ihrer Haarpracht und ihrer politischen Gesinnung nennen die Italiener sie auch "La Rossa" (Die Rote).

Am 17. Juli wird die Tochter eines Fischhändlers und einer Schneiderin 80 Jahre alt. Das Schlagerfestival von San Remo hat Milva im vergangenen Jahr für ihr Lebenswerk ausgezeichnet. Den Preis nahm ihre Tochter Martina Corgnati für sie entgegen. Ihr letztes Fernsehinterview hat Milva 2010 gegeben. Damals hatte sie schon sichtlich Mühe, den Fragen des Moderators zu folgen. "Ich verliere leider auch mein Gedächtnis", gestand sie freimütig ein.

Maria Ilva Biolcati – wie sie eigentlich heißt – kommt aus dem kleinen Ort Goro an der Po-Mündung in der Nähe von Ferrara. Als junge Frau tingelte sie unter dem Künstlernamen Sabrina durch Nachtlokale, um ihre verarmte Familie zu ernähren. Bei einem Nachwuchswettbewerb des italienischen Staatsfernsehens RAI wurde sie 1959 dann für ein breites Publikum entdeckt. In Italien war sie zunächst – noch mit kurzen schwarzen Haaren und schwarzer Kleidung – eine gefragte Schlagersängerin. So häufig wie wenige andere nahm sie am Festival von San Remo teil.

Eine ganz andere Seite entdeckte der Theaterregisseur Giorgio Strehler an ihr: Bei einer Veranstaltung zum 20. Jahrestag der Befreiung Italiens von der Besatzung durch die Nationalsozialisten sang sie 1965 "Lieder der Freiheit". Strehler forderte sie daraufhin auf, ihm vorzusingen. Am Mailänder Teatro Piccolo stand sie dann drei Jahre lang als Seeräuber-Jenny in seiner Inszenierung von Brechts "Dreigroschenoper" auf der Bühne. Platten mit Brecht-Songs zählen auch in Deutschland zu ihren großen Erfolgen. Mit großen Gesten und dem Ruf einer Femme fatale trat Milva außerdem in Filmen an der Seite von Stars wie Gina Lollobrigida, Juliette Binoche und Otto Sander auf. Die Sympathien der Franzosen eroberte sie mit der Interpretation der Chansons von Edith Piaf.

Milva war von der ironischen Melancholie des französischen Chansoniers George Brassens inspiriert. Ihre Aura von Leidenschaft und Freiheit passte ebenso gut zu den politischen Liedern des Griechen Mikis Theodorakis, der zu Zeiten der griechischen Militärdiktatur als ein Symbol des Widerstandes galt. "Ich habe mein Metier würdevoll und wohl auch gut gemacht", erklärte Milva auf ihrer Internetseite, als sie 2010 ihren Rückzug aus der Öffentlichkeit ankündigte. Sie habe sich zu diesem Schritt entschlossen, "weil ich nicht mehr in der Lage bin, ihn auf die beste Art und Weise auszuüben", fügte sie hinzu. Immer die große Geste: Ob als kühle Seeräuber-Jenny oder beim Abschied von der Bühne: Milva ist sich treu geblieben.