Kein Abend für Puristen

Georg Rudiger

Von Georg Rudiger

Di, 16. Juli 2019

Klassik

Ein Liederabend mit Anna Netrebko in Baden-Baden.

Liederabende sind eher steife Veranstaltungen. Der Interpret legt die Hand auf den Flügel – und jede Form von Ausdruck in seine Stimme. Wenn Anna Netrebko zu einem Liederabend lädt, erhöht sich der Glamourfaktor: Der bildungsbürgerliche Abend wird zur echten Show in sechs verschiedenen Sprachen. Schon bevor ein Ton im Festspielhaus Baden-Baden erklungen ist, merkt man den Unterschied. Zum ersten, mit "Tag" überschriebenen, Konzertteil hat die russische Sopranistin im blütenbesetzten Kleid einen Blumenstrauß mitgebracht. Und natürlich bleibt Anna Netrebko nicht am Flügel (vorzüglich: Malcolm Martineau) stehen, sondern wandert über die Bühne und macht aus den Liedern kleine Opernszenen.

Der Abend verträgt diese Leichtigkeit, weil Netrebkos Gesangskunst nicht nur Opernarien, sondern auch das Kunstlied veredelt, ihm Farben schenkt. Ihr in Bronzetönen schimmernder Sopran bleibt in allen Lagen rund und geschmeidig. Rachmaninows "Siren" (Flieder) hat Weite, in "U moyego okna" (Vor meinem Fenster) nimmt sie in der Höhe ihre Stimme für einen Moment ins Mezzavoce zurück, um einen intimeren Ausdruck zu entwickeln. Nur bei Richard Strauss’ "Morgen" (Violine: Giovanni Andrea Zanon) ist ihre Klanggebung zu üppig.

Für den "Nacht"-Teil nach der Pause trägt Anna Netrebko ein Sternenkleid und lässt beim Duett "Uzh vecher" (Abend ist’s) aus Tschaikowskys Oper "Pique Dame" gemeinsam mit der Mezzosopranistin Elena Maximova einen Luftballon steigen. Netrebko singt nicht auf Sicherheit, sondern geht auch bei Sprüngen volles Risiko. Ein kleiner Wackler wie bei Gabriel Faurés "Après un rêve" (Nach einem Traum) ist da nur menschlich. Aber wenn sie Spitzentöne dehnt und gerade in der Höhe, wo die Luft dünn wird, Räume öffnet und Emotionen zum Klingen bringt, ist das allerhöchste Interpretationskunst. Mit Jacques Offenbachs Barcarolle aus "Hoffmanns Erzählungen", wieder mit der Elena Maximova, verwischen endgültig die Grenzen zwischen dem Liederabend und einer Gala; aber für Puristen ist der Abend ohnehin nichts. Wer eine großartige Sängerin mit enormer Bühnenpräsenz auf dem Zenit ihres Könnens erleben möchte, ist in Baden-Baden richtig.