Über den Wassern schwebend

Christine Adam

Von Christine Adam

Mo, 09. Dezember 2019

Klassik

Der Trompeter Sergei Nakariakov und die Cappella Gabetta spielten im Freiburger Albert-Konzert.

Musik wie Eisblumen auf dem Fensterglas. Im Freiburger Konzerthaus intonierte jetzt die Cappella Gabetta den "Winter" aus Antonio Vivaldis "Vier Jahreszeiten". Die vorzügliche Bassgruppe trieb die Töne gewordenen kalten Lüfte voran. Und die solistische Barockvioline von Andrés Gabetta schien ein Spinnennetz zu weben, auf dem der Tau gefroren ist. Beim Kammermusikzyklus der Albert-Konzerte gastierten der Soloviolinist und seine Alte-Musik-Experten (nach einem Auftritt im schweizerischen Rheinfelden). Die Cappella Gabetta präsentierte sich als elegant agierendes Ensemble, das helle, italienische Valeurs pflegt und selten mehr als unbedingt notwendig den Sound aufraut. So kam auch die rustikale Jagd höfisch-kultiviert daher. Da wurde Vivaldi selbst zum Ereignis, als die Klangexperimente des Venezianers schlackenfrei zur Geltung kamen.

So in den langsamen Sätzen, wenn etwa beim "Herbst"-Konzert fahle Akkorde die Nebel aufsteigen lassen. Wie über den Wassern schwebend sang die Solovioline im "Frühling" das Schlaflied des Hirten. Andrés Gabetta ist ein ganz uneitel auftretender Solist, der über eine meisterhafte Bogentechnik verfügt. Der ungemein frei gestaltet, etwa wenn er mit der Geige im "Sommer" über Wetterunbill philosophiert. Der seiner Cappella auch mal per Handzeichen Impulse gibt. Die Cappella Gabetta mit den inklusive Leiter elf Streichern zeichnet ein transparenter, schlanker Klang aus. Zum Cembalo fügt die gezupfte Theorbe der Generalbassgruppe Farben bei. In Lorenzo Gaetano Zavateris Geigen-Doppelkonzert ließ die zweite Solovioline (Francesco Colletti) das solistische Temperament vermissen, blieb eher brav im Hintergrund. Stimmungsvoll wurde es mit der finalen Pastorale. Die Cappella als vor der Krippe musizierende Hirten. Weihnachtliche Pastoralen – bei italienischen Komponisten des frühen 18. Jahrhunderts waren sie Mode.

Das Instrument zum Fest ist die Trompete. Mit Sergei Nakariakov war einer der besten Virtuosen zu Gast. Wie beiläufig begann das Solo im Es-Dur-Konzert von Johann Baptist Georg Neruda. Verspieltes Rokoko, das ehemalige Militärinstrument gibt sich versöhnlich. Pazifismus zu Weihnachten. Mit golden-melancholischem Ton leicht, überaus beweglich in den Koloraturen – technisch ist bei Nakariakov alles möglich. Dass er als "Paganini der Trompete" gehandelt wird, weckt indes falsche Erwartungen: Er spielte ohne Showmätzchen, dabei stets Gabetta zugewandt. Vivaldis c-Moll-Cellokonzert RV 401 interpretierte der israelisch-russische Künstler in einer eigenen Bearbeitung für Flügelhorn. Dieser feinsinnige Bläser scheint nur dann zu atmen, wenn es die musikalische Syntax zwingend verlangt. Und die populäre "Air" aus Bachs D-Dur-Orchestersuite BWV 1068 mit dem dunkel klingenden Flügelhorn: Das war Klangschönheit pur. Weihnachten ist da nicht mehr weit.

Weiteres Konzert mit diesem Programm: heute, 19.30 Uhr, Martinskirche, Basel.