Eltern fordern Unterricht

Ute Schöler

Von Ute Schöler

So, 07. April 2019

Kreis Emmendingen

Der Sonntag Kinder aus Migrantenfamilien im Landkreis sollen ihre Muttersprache lernen können.

Interkulturelle Kompetenzen werden immer wichtiger, Mehrsprachigkeit gehört dazu. Mit einer Petition will die Föderation türkischer Elternbeiratsvereine in Baden Herkunftssprachenunterricht ins Schulsystem bringen. In Emmendingen fördert die Volkshochschule drei Arabischkurse für Kinder.

Es ist Sonntag, kurz nach 11 Uhr. In einem Raum der Volkshochschule in Emmendingen lesen acht Jugendliche abwechselnd einen Text vor. Ein Aquariumbesuch ist das Thema, Lehrerin Entessar Alakkad stellt den Schülern Fragen und trainiert den Wortschatz. In korrekten Sätzen zu antworten, fällt nicht jedem leicht. Immer wieder lachen alle miteinander – die Lektion macht offenbar Spaß. Anaan Abo Agag hat mit den Erst- und Zweitklässlern derweil eine Lernphase in den Hof verlegt. Die 14 Kinder halten Zettel mit Schriftzeichen in der Hand. "Salaam" (Frieden) ruft ein Mädchen zum Buchstaben S. Nur durch drei Punkte unterscheidet sich das "S" vom "Sch". "Schamms" (Sonne) sagen einige Kinder und blicken zum Himmel.

In der Pause erzählen Schüler, die wochentags Gymnasien im Landkreis Emmendingen besuchen, warum sie das zusätzliche Lernpensum auf sich nehmen. Sidra aus Kenzingen ist es wichtig, auch in arabischer Sprache Bücher lesen zu können, zum Beispiel den Koran. Später möchte die Zwölfjährige Ärztin werden. "Wenn man nach Syrien zurückgehen will, muss man sich verständigen können", gibt ihr Schulkollege Ahmad zu bedenken. Für den 14-jährigen Karam, der sich im Emmendinger Goethe-Gymnasium nach Englisch für Latein entschieden hat, zählen vor allem weltweite berufliche Chancen.

Zwar sprechen die Kinder in ihren Familien arabische Dialekte, aber diese unterscheiden sich vom internationalen Hocharabisch – eine der sechs Amtssprachen der Vereinten Nationen. In akzentfreiem Hochdeutsch erzählt der elfjährige Zain aus dem Anfängerkurs älterer Kinder, dass außer syrischen auch irakische Kinder unter den Teilnehmern seien und "halbdeutsche", wie er sagt.

Entessar Alakkad, die in Syrien auch als Konrektorin wirkte, arbeitet seit ihrer Ausbildung als Jugend- und Heilerzieherin im Hort der Emmendinger Meerwein-Grundschule. "Kinder dürfen die Muttersprache nicht verlieren", betont Alakkad. Ganz wichtig findet sie, Sprach- und Religionsunterricht klar zu trennen. In den drei Lerngruppen sind unterschiedliche Religionszugehörigkeiten vertreten.

"Die Migrationssprachen sind eine ganz wichtige Ressource", sagt Professorin Havva Engin, die in Baden-Württemberg als Expertin für Sprachförderung gilt und das Heidelberger Zentrum für Migrationsforschung und Transkulturelle Pädagogik leitet: "Da kommen Kinder, die sprechen komplexe Sprachen wie Arabisch oder Russisch und dann machen wir sie einsprachig – wir verpassen da eine Chance!" Durch ihre Forschungsarbeit zu Sprachenerwerb und Mehrsprachigkeit ist Engin überzeugt, dass eine schulisch koordinierte herkunftssprachliche Förderung eine positive Wirkung auf die generelle sprachliche Kompetenz hat.

Während viele Bundesländer herkunftssprachlichen Unterricht inzwischen in den Lehrplan integrieren, beschränkt sich Baden-Württemberg bislang auf das Konsulatsmodell, das auf die EWG-Richtlinie von 1977 über die "schulische Betreuung der Kinder von Wanderarbeitnehmern" zurückgeht. Lehrer und Unterrichtsinhalte werden dabei von den Herkunftsländern entsandt.
"Das ist ein Anachronismus, der nicht den gesellschaftlichen Gegebenheiten entspricht", sagt Havva Engin. Auch für die Integration sei der schulisch eingebundene Sprachunterricht ein wichtiger Beitrag, denn er vermittle Wertschätzung.

Die Heidelberger Professorin hat deswegen im Juli 2018 die Forderung der baden-württembergischen Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) nach herkunftssprachlichem Unterricht durch ein gemeinsames Konzept bekräftigt. Nun hat die Föderation der Vereine Türkischer Elternbeiräte in Baden eine Petitionswebsite eröffnet, die darauf zielt, das Konsulatsmodell abzulösen. Bei den traditionellen türkischen Kinderfesten im Kreis soll die Initiative präsentiert werden. Ziel ist eine Eingabe im Petitionsausschuss des Landtags. "Seit vielen Jahren haben wir das gefordert, aber schon die rot-grüne Landesregierung hat nicht einmal versucht, das umzusetzen. Bis Juli wollen wir versuchen, alle Migranteneltern zu mobilisieren", sagt der Vizepräsident der Föderation der Vereine Türkischer Elternbeiräte, Mahmut Pervaneli.

Bis vielleicht die Weichen im Land neu gestellt werden, unterstützt die Volkshochschule im Kreis Emmendingen für derzeit 33 Kinder eine Zwischenlösung. Für die Weiterführung im nächsten Schuljahr sucht die Fachbereichsleiterin Antje Kittelberger Sponsoren – etwa international tätige Firmen. In Herbolzheim kamen Arabischkurse für 35 interessierte Kinder mangels finanzieller Unterstützung bislang nicht zustande. Auch dies könnten Sponsoren mit auf den Weg bringen.
Die Petition findet sich auf hsu-bw.de in arabischer, deutscher und türkischer Sprache mit ausführlicher Begründung

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