KRIMINALROMANE

Stephanie Streif

Von Stephanie Streif

Sa, 09. Januar 2021

Literatur & Vorträge

Kälte und Schmerz

Gøhril Gabrielsen: Die Einsamkeit der Seevögel. Roman. Aus dem Norwegischen von Hanna Granz. Insel Verlag, Berlin 2020. 174 Seiten, 10 Euro.

Still läge das zivilisationsferne und schneebedeckte Stück Landschaft vor einem, wäre da nicht die namenlose Ich-Erzählerin, die mit ihrer Geschichte (und einem ratternden Schneemobil) in die von viel Meer umspülte Wildnis einfällt. Sie ist Wissenschaftlerin und will am äußersten Zipfel Norwegens Seevögel beobachten. Geplant war, dass sie das nicht allein macht, sondern zusammen mit ihrem Freund Jo. Doch der kommt nicht. Über Skype ist sie mit ihm in Kontakt. Und doch kontaktlos. Ganz allein schlägt sie sich durch die Extreme des Winters. Nach und nach, so scheint es jedenfalls, schleifen die eisigen Winde sie bis auf ihr Innerstes ab. Der Schmerz ihrer Vergangenheit holt sie ein – die Tränen ihrer Tochter, die sie zurücklassen musste, und die geballte Faust ihres Ex-Mannes, der gegen Türen und Wände schlug und ihr Botschaften schickt. Und dann ist da noch die Geschichte von Borghild, die vor langer Zeit mit ihrer Familie hier draußen gewohnt hat, aber trotzdem noch präsent ist, etwa wenn eines ihrer Kinder plötzlich wimmert. Oder war es der Wind? Anfangs ist es nur Irritation. Später wird daraus "dieses undefinierbare Etwas", das in der von der norwegischen Autorin Gøhril Gabrielsen kreierten Einsamkeit immer mehr zur Bedrohung wird. Es liest sich wie Spuk. Sehr intensiv. Voller Naturgewalt. Trennung und Tod

Marcello Fois: Abschiede. Roman. Aus dem Italienischen von Monika Lustig. Polar Verlag, Stuttgart 2020. 425 Seiten, 14 Euro.

Ein Kriminalroman, der mit der mythischen Muttergöttin Gea beginnt? Das ist typisch für den italienischen Schriftsteller Marcello Fois, der in "Abschiede" mit Zitaten aus Literatur, Philosophie, Filmen und Popkultur ein gleichberechtigtes Nebeneinander von Vergangenheit und Gegenwart behauptet – ganz im Sinne der Psychoanalyse. Fois grundiert damit die Unauslotbarkeit der Charaktere und Motive seiner bisweilen ausufernden und dennoch hochspannenden Erzählung um Commissario Sergio Striggio, der das seltsame Verschwinden des elfjährigen Michele im verschneiten Bozen zu klären hat. Der Junge verschwand spurlos, als die Eltern auf der Heimfahrt vom Restaurant kurz auf einem Parkplatz anhielten. Aber nicht sie, sondern ein Pfarrer, der wie zufällig ebenfalls dort Halt machte, hatte die Polizei informiert. Striggios Ermittlungen gehen nur langsam voran. Denn er kann die zerstörerische Mischung aus Angst, Begehren und Schuldgefühl, die in ihm selbst tobt, nicht mehr ignorieren: Er würde eine Trennung von seinem Geliebten Leo nicht überstehen – und doch gelingt es ihm nicht, offiziell zu ihm zu stehen. So entwickelt sich der Plot entlang der Klärung von Striggios persönlichen Umständen und zugleich der überraschenden Ermittlungsergebnisse. Fois gilt in Italien als besonders eigenwilliger Autor, Preise hat er zuhauf angesammelt. In "Abschiede" kommt es ihm auch auf grundlegende Fragen an: wie man ein Leben mit sich und anderen führen kann, ohne sich zu verlieren, wie man mit Trennung und Tod umgehen kann, wie man den richtigen Abschied vom Leben findet.