KRITIK IN KÜRZE

Nikolaus Cybinski

Von Nikolaus Cybinski

Sa, 16. März 2019

Klassik

Seelischer Halt in der Tradition

Burghof Lörrach, Donnerstagabend: Der Moskauer Kathedralchor sang unter Nikolay Azarovs Leitung eine Missa Mystica. Aufs Podium kommen zwanzig Männer in langen, schwarzen Talaren. Gleich der optische Eindruck ließ vermuten, hier wird die Tradition gepflegt. Und das Programm, das thematisch den Festen des orthodoxen Kirchenjahres folgte, wie auch die Auswahl der neun Komponisten und deren Chorsätze bestätigten die Rückschau ins Tradierte. Nachdem in der Sowjetunion das religiöse Empfinden der Russen ausgelöscht wurde, lebt es nun wieder auf, und wir hörten in den meist ganz ruhig dahinfließenden Tempi und den sonoren Piani und Pianissimi – hoch empfindsam erst von den Männern, dann vom Gesamtchor gesungen – wie die Russen ihre Religiosität erleben: als personale, tief innerliche Spiritualität, die in der Gemeinschaft der Gläubigen lebendig wird. Und dass es inmitten dieser Ruhe, ja Stille immer auch emotionale Ausbrüche gibt, Fortissimi, die die Botschaft auf ihre Weise predigen. Grandios vom Chor gesungen. Hörenswert sind die neun Vorsänger des Moskauer Kathedralchores (vor allem auch die eine Frau), die allerdings bewiesen, dass die orthodoxe Kirche immer noch Männersache ist. Wie intensiv der Chor einstudiert war, das zeigte Azarovs Dirigieren; oft langten kleinste Handgesten, und die Dynamik des Chors funktionierte postwendend. Bleibt nach diesem beeindruckenden Konzert die Frage: Wird diese Rückbesinnung auf das späte 19. Jahrhundert genügen, um die Religiosität der Russen wirklich neu zu beleben?