Europa denkt wieder klein klein

Alexander Dick

Von Alexander Dick

Do, 23. Mai 2019

Kultur

ESSAY: Wieso zieht der Kontinent keine Lehren aus der Geschichte?.

Europa kam aus Kleinasien. Zeus, der Chef des altgriechischen Götterclans, verliebte sich in die Tochter eines phönizischen Königs. Weil er verheiratet war, musste er zu einem Trick greifen. Er verwandelte sich in einen Stier und entführte Europa auf seinem – nunmehr – Rindviehrücken nach Kreta, wo er drei Kinder mit ihr zeugte. Dass ein ganzer Kontinent nach der Dame benannt wurde, hat eher andere Gründe. Verbergen sich im Wortkern doch gleich mehrere sinnhafte Elemente: entweder "breitgesichtig" oder, auf semitischen Sprachen basierend, Abend, Westen.

Auch das moderne Europa ist anfällig für Ent- und Verführungen. Dazu bedarf es keines Göttervaters und (hoffentlich) keiner Herde Rindviecher mehr – es genügen schon ein paar lautstarke Rufe, dass vor der Türe Flüchtlinge stehen, die Einlass begehren und gar noch am Wohlstand partizipieren wollen... Die Angst davor, so scheint es, ist oft genug für manche der einzige noch gemeinsame Nenner auf diesem Kontinent, der eigentlich keiner ist. Denn im Grunde kann Europa schon geographisch gesehen keine Festung sein, ist es doch der weitverzweigte, küstenreiche westliche Appendix Asiens und aus dessen Perspektive eben jenes Abendland, in dem die Sonne untergeht.

Mythos, Festung – oder permanenter Untergang

Tut sie das auch im übertragenen Sinn? Spätestens seit der Historiker und Philosoph Oswald Spengler eben jenen "Untergang des Abendlandes" in seinem vieldiskutierten Werk in zeitlicher Koinzidenz zum Ende des Europas der Monarchien durch den Ersten Weltkrieg prophezeite, wurde der abendländische Kulturpessimismus zum treibenden Moment vornehmlich bildungsbürgerlicher Abgesänge auf das alte Europa. Doch gerade in der Gegenwart, in der die einen für mehr Europa und die anderen für weniger streiten, muss die Frage gestellt werden, was es mit diesem abstrakten Begriff auf sich hat – Mythos, Festung oder permanente Kultur des Untergangs? Versuchen wir es mit ein paar Überlegungen.

Erstens: Europas Einzigartigkeit speist sich aus seiner Vielseitigkeit. Seit dem Untergang des römischen Imperiums und der Völkerwanderung gab es auf dem Kontinent keine Hegemonialmacht mehr; darüber können auch sich zeitweise über größere Territorien erstreckende Gebilde wie das karolingische Reich oder das Reich der Habsburger nicht hinwegtäuschen. Europa ist nicht nur geographisch ein Fleckerlteppich, sondern auch ethnographisch – und damit kulturell.

Zweitens, kein Paradoxon: Europas kulturelle Vielfalt geht zurück auf gemeinsame Wurzeln. Die viel beschworene gemeinsame Identität fußt auf zwei Eckpfeilern: dem Erbe des römischen Reichs und dem Christentum. Dass das Erbe Roms über den Limes, die einstige Grenze dieses Weltreichs hinaus, eine so bedeutende Rolle spielt, ist stark mit der Tatsache verbunden, dass dieses Imperium im 4. Jahrhundert das Christentum zur Staatsreligion machte. Damit wurde die Grundlage dafür geschaffen, dass die Kultur der Antike nicht von einer expandierenden Religion verdrängt wurde. Somit stand dem fürderhin christlich geprägten Europa ein großes gemeinsames Wissens- und Denkpotenzial zur Verfügung – auch wenn es davon nicht sofort flächendeckend Gebrauch machte. Doch ohne dieses hätte sich der wesentliche Schritt in Richtung Moderne – Aufklärung und Pluralismus – so nicht vollzogen.

Drittens: Die Saat dafür, dass Europa trotz dieses gemeinsamen Erbes nie zu einer richtigen Einheit fand, wurde vor allem im 19. Jahrhundert gelegt. An die Stelle der feudalen Machtstrukturen trat sukzessive der Nationalismus. Dieser schuf ein neues Moment der Abgrenzung, indem er die Gegensätze und nicht die Gemeinsamkeiten hervorhob.

Interessanterweise hat gerade dieser Nationalismus, der im Schatten zweier verheerender Weltkriege und des daraus resultierenden Ost-Westkonflikts zu einer untergeordneten Kategorie zu werden schien, seit dem Zusammenbruch dieser Weltordnung wieder enorm an Intensität gewonnen. Europa denkt, bevorzugt, wieder klein klein. In einer (Parallel-)Welt, in der sich weitgehend unsichtbare Machtstrukturen mit kaum einschätzbarer Wirkkraft scheinbar virtuell formieren, scheint die naheliegendste Bezugsgröße die kleinste zu sein: My home, my castle – meine Heimat.

Die neue Heimatverbundenheit, die beim All-inclusive-Urlaub auf Barbados oder dem zwischenzeitlichen Sushi- oder Döner-Snack schnell ihre Ausnahmen erfährt, in allen Ehren: Ein Europa, das in Dutzende von Einzelteilen zerfällt und allenfalls noch auf dem Fußballplatz miteinander kann, wird den Herausforderungen der Zukunft kaum gewachsen sein. Es gibt keine Alternative zu einer europäischen Gemeinschaft im Zeitalter des Globalismus. Das heißt nicht, dass die bestehende europäische Union die beste aller europäischen Welten darstellt, im Gegenteil: Ohne deren strukturelle und mitunter inhaltliche Probleme bestünde womöglich weniger Verdruss.

Aber die Zeiten, in denen der Kontinent es sich leisten konnte, um eines Religionskonflikts willen über Jahrhunderte hinweg seine Bevölkerung zu dezimieren, Fortschritt und Humanismus aufzuhalten, sind längst Geschichte. Gemeinsame Geschichte. Mit deren Lehren sich so viele schwertun, dass sie mit dem "Exit"kokettieren. Flucht aber ist kein Ausweg. Das erfuhr übrigens auch Zeus. Gattin Hera kam ihm auf die Schliche...