Annäherung aus zwei Richtungen

Annette Mahro

Von Annette Mahro

Sa, 23. Mai 2020

Kunst

Berliner Zimmer: Ausstellung von Eva Früh und Olga Allenstein im Weiler Stapflehus.

Eva Früh besetzt Räume in ausgewählten Institutionen oder Unternehmen für mehrere Wochen, in denen Sie aus gelegentlich variierten Perspektiven Ausschnitte ihrer temporären Umgebung zeichnet. Olga Allenstein konstruiert aus gefundenen Materialien wie Sperrmüll oder aus Baumarktsortimenten Scheinmöbel ohne allen Gebrauchswert, stattdessen als eigenständige Objekte. Die neue Ausstellung "Berliner Zimmer" im Stapflehus in Weil am Rhein führt die beiden Künstlerinnen zusammen, die sich der Realität aus, wie es scheint, gegensätzlichen Richtungen annähern.

Begegnet waren sie sich zuerst als Schülerin und Lehrerin. Die 1952 in Lüdenscheid im Sauerland geborene Olga Allenstein hat an der Düsseldorfer Kunstakademie studiert und war 1995 bis 2006 Dozentin an der Freien Kunstakademie Basel, wo die 1969 in Freiburg im Breisgau geborene Eva Früh von 2001 bis 2004 zu ihren Schülerinnen gehörte. Der 2018 an die heute unter anderem in Berlin lebende Künstlerin verliehene Naturenergie-Förderpreis und die sich daran anschließende Ausstellung im Hans-Thoma-Museum in Bernau hätten den Ausschlag für die Wahl gegeben, erklärt der Vorsitzende des Weiler Kunstvereins Friedrich Resin. Zwar bekomme der Verein, der regelmäßig Ausstellungen im Stapflehus ausrichtet, viele Bewerbungen, so Resin. "In diesem Fall sind wir aber aktiv auf die beiden Künstlerinnen zugegangen."

Ein kleinerer Teil der jetzt gezeigten 160 Tuschzeichnungen von Eva Früh ist im Google-Headquarter in Los Angeles entstanden. Auf ihre Art eingenistet hat sich die Künstlerin diesmal aber auch gleich vor Ort beim Weiler Designmöbelbauer Vitra. Zu Olga Allensteins Objekten, die die Materialität und das Dreidimensionale ins Stapflehus bringen, ergibt sich da ein eigener Bezug. Wie Tapeten wirken umgekehrt die Kante an Kante nebeneinander gehängten DIN-A-4-Blätter der Zeichnerin. "Das ergibt ein völlig neues Muster", so Resin, "und ist kein Realitätsabbild, sondern ganz Komposition."

Der Titel der Ausstellung, den Kuratorin Ruth Loibl ausgewählt hat, nimmt Bezug auf ein Architekturphänomen der Gründerzeit. Als "Berliner Zimmer" bezeichnete man die Seiten- und Vorder- oder Hinterhaus verbindenden Eckzimmer in den typischen Berliner Mietshäusern, die nur über ein einziges und im Verhältnis zum Raum sehr kleines Fenster zum Hof verfügten. In Sachen Nutzwert, Perspektive und Verbindung zwischen Innen- und Außenraum ergab sich so, wie auch bei den ausgestellten Werken, ein eigenes Bild. Annette Mahro

"Berliner Zimmer", Stapflehus Weil am Rhein, 15. März bis 26. April, Samstag 15–18 Uhr, Sonn- und Feiertag 14–18 Uhr, Vernissage 14. März 18.30 Uhr