Jenseits aller Selbsttäuschung

Herbert M. Hurka

Von Herbert M. Hurka

Fr, 14. Juni 2019

Kunst

Werke von Héloïse Delègues und Hanako Geierhos in der Freiburger Galerie für Gegenwartskunst.

Wenn überhaupt, dann lässt sich höchstens vor dem Spiegel der eigene Körper als ganzheitlich empfinden. Dabei entspricht es der Erfahrung, dass das Spieglein an der Wand, anstatt die Schönste – respektive den Schönsten – im Land abzubilden, nur die Schwächen dieses eigenen Körpers offenbart. Abgesehen vom leidigen Bewusstsein eines notorischen Mangels senden die Gliedmaßen und Organe sowieso recht uneinheitliche Signale an das Gehirn. Wie hier nun – und zwar frei von jeglicher Selbsttäuschung– ein Körperbild aussehen könnte, demonstrieren die fünf mächtigen Gemälde der Installation "Spooning sucks" von Héloïse Delègues. In der Art eines Frieses reiht die in London lebende Französin vier der Bilder an der elegant geschwungenen Bilderwand auf, die die Galerie im Freiburger E-Werk in diagonaler Richtung zerteilt.

Herausstechende Motive sind lose Körperteile, Arme, Beine, gemalt in prächtigem Inkarnat und kombiniert mit den im Titel genannten "Spoons" – Löffeln eben, die sich den fließenden Körperformen anpassen, während der Titel "Spooning Sucks" schwer übersetzbarer Jugend slang ist und auf etwas wie "Kuscheln nervt" hinauslaufen dürfte. Damit die fleischbetonten Körperfragmente keine symbiotischen Reflexe auslösen, assoziiert die Künstlerin alle möglichen, teils auch ziemlich absurde Motive auf ihre von Textilwülsten gerahmten Tableaus: ein surrealistisches Diktat der Seele, krass garniert mit Trashigem und Comic-Zitaten, in ausdrücklichem Widerspruch zu der einer idealen weiblichen Silhouette nachempfundenen Bilderwand.

Ein öffentlicher Raum mit Rückzugsmöglichkeiten

Unter dem gemeinsamen Leitgedanken "Im Zeitalter der Selbstoptimierung" schwieriger unterzubringen ist die raumgreifende Installation "Spirit Bodies" der Berliner Künstlerin Hanako Geierhos. In schräger Richtung durchmisst ein vom E-Werk-Team makellos gezimmerter Laufsteg die Säulenhalle des Untergeschosses. Angegliedert sind eine Aufenthaltsfläche sowie eine Koje, denn der in einem feinen Hellgrau lackierte Aufbau soll als partizipative Skulptur "Konversationen" initiieren und eine Umgebung für soziale Prozesse bieten. Die reduktionistische Installation funktioniert als Modell eines öffentlichen Raums, der private Rückzugsmöglichkeiten einschließt. So laden gleich am Anfang blaue Sitzkissen ein, sich niederzulassen, um ins Gespräch zu kommen, genauso aber auch sich per Kopfhörer in andere Sphären auszuklinken.

Das Leder der Sitzkissen hat die Künstlerin in handwerklich perfekter Manier selbst gegerbt, blau eingefärbt und vernäht. Dasselbe gilt für den aus horizontalen Streifen verschiedener Blaustufen zusammengesetzten Wandteppich in der als "Shelter" (Schutz) ausgewiesenen Koje, wo ein zweites Wandobjekt dem kontemplativen Rückzug dient. Den theoretischen Überbau dieser ansprechenden und animierenden Installation bildet Joseph Beuys’ Theorie der sozialen Plastik als einer kreativen, kommunikativen Gesellschaft.

Galerie für Gegenwartskunst, E-Werk, Freiburg, Eschholzstraße 77 . Bis 30. Juni,
Do und Fr 17–20 Uhr, So 14–18 Uhr.