Malerische Schlachtfelder

Hans-Dieter Fronz

Von Hans-Dieter Fronz

Sa, 25. Mai 2019

Kunst

Eine kleine Retrospektive zum 100. Geburtstag: Bert Jäger in der Sammlung Hurrle in Durbach.

1939, mit 20 Jahren wurde Bert Jäger zur Wehrmacht eingezogen. Da hatte der Karlsruher an der Akademie in seiner Heimatstadt bereits ein komplettes Kunststudium absolviert. Fortan aber lag für ein ganzes Jahrzehnt über seinem Leben der Schatten des Krieges – und der sowjetischen Kriegsgefangenschaft. 1949 kehrte der immer noch junge Mann heim und ließ sich in Freiburg nieder.

Die Erfahrung von Krieg und Gefangenschaft: Bert Jäger hatte sie nicht im Osten zurückgelassen. Er nahm sie mit in die Heimat – und insgeheim, verklausuliert, vielleicht ihm selbst verborgen auch in seine Kunst hinein. Zumindest ist der Kontrast zwischen der kraftvollen, spannungsgeladenen Malerei und ihrem Schöpfer auffällig: diesem kleinen Mann, der seine Feinnervigkeit eher in filigran-verspielten Tuschzeichnungen auslebte. Diese operieren andererseits gern mit voluminösen Farbklecksen und -spritzern, die an Bombeneinschläge und Blut denken lassen könnten. Noch die Collage und Gouache auf Papier vom 16. November 1992 ist ein malerisches Schlachtfeld. Vielleicht ist es so, dass Bert Jäger in dieser und anderen Arbeiten seine Kriegserlebnisse ausagierte. Vielleicht auch, dass er seelische Wunden leckte: Kunst als Selbstheilung. Entschieden möchte man sein Informel weniger als lyrisch denn dramatisch charakterisieren, in der Malerei wie in der Grafik.

Im Januar wäre Bert Jäger 100 geworden. Dass das Museum für aktuelle Kunst in Durbach das Jubiläum jetzt zum Anlass für eine kleine Retrospektive nimmt, ist der Bedeutung seines Schaffens für die Kunst im Südwesten nur angemessen. Zu sehen sind Arbeiten aus dem Nachlass. Dieter Weber, der Freiburger Verleger, der ihn verwaltet, war mit Jäger befreundet. Die Werke aus über vier Jahrzehnten, etliche davon aus dem Todesjahr 1998, veranschaulichen die Entwicklung eines Künstlers, der sich den Weg zur Freiheit gestischen Ausdrucks bahnen musste. "Composition / Agon II" von 1957 mit seinen geometrischen Bildelementen und dem komplexen und kalkulierten Bildaufbau am Beginn des Parcours zeigt ihn auf diesem Weg.

Wie im Ölbild bereits im Titel spielen Kampf und Gewalt in seine Schöpfungen hinein. Überschriften wie "Tenaglie" (Beißzange), "Arme Totschläger" oder "Terreur" (eigentümlicherweise gefällt sich das Bild in den Farben der Trikolore) verdeutlichen gleichzeitig, dass die Abstraktion bei Jäger die Tuchfühlung zur gegenständlichen Welt nie verlor; in die Collagen mit Zeitschriften- und Zeitungsausschnitten findet Figürliches Eingang.

Aber auch Jägers Sinn für Humor lässt sich nicht ignorieren. "Perkeo" führt den trinkfesten Hofzwerg eines deutschen Kurfürsten, den Hüter des Großen Fasses im Heidelberger Schloss, im Namen. Der Titel von "Käthe Seifrieds Erleuchtung" ist so witzig wie der der "Carte postale" des heiligen Antonius, mit dem wohl der Eremit und "Vater der Mönche" gemeint ist, den ein Seitenflügel des Isenheimer Altars zeigt. Mit das stärkste Bild der Schau, eine späte Malerei von 1991, ist im Zitat eine Hommage an die Autorin Natalia Ginzburg (Jäger hat selbst geschrieben).

Ausgestellt sind auch Fotografien. Viele sind auf Reisen im Auftrag für Caritas International entstanden. Sie künden nicht zuletzt von Jägers Liebe zu Italien. Darunter sind zahlreiche Straßenszenen, oft mit Kindern. Die ungezwungene Lebensweise, das Dolce vita muss ihn fasziniert haben. Magisch zogen ihn die einfachen Architekturen italienischer Bergdörfer an. Und immer wieder lichtete er Wäsche ab, die an der Leine im Wind weht: ein Bild von Freiheit, Ferne, Abenteuer. Die Assoziation geblähter Segel liegt nicht fern.

Museum für aktuelle Kunst – Sammlung Hurrle, Almstr. 49, Durbach. Bis 13. Okt., Mi bis Fr 14–18 Uhr, Sa, So 11–18 Uhr.