Müßiggang am Rand Europas

Dietrich Roeschmann

Von Dietrich Roeschmann

Sa, 13. April 2019

Kunst

Dirk Sommer, Bernhard Strauss: Zwei Ausstellungen, ein Bildband.

Natürlich könnte man meinen, dass der Himmel über Dirk Sommers Atelier in Hugstetten bei strahlendem Sonnenschein nicht anders aussieht als der über Sellia auf Kreta – wunderbar blau eben, warm und leuchtend. Das stimmt. Und doch gibt es einen Unterschied, von dem einige Zeichnungen erzählen, die Sommer (Jahrgang 1954) in den vergangenen Jahren in seinem kretischen Zweitdomizil anfertigte, und auch mehrere Fotografien, welche der Freiburger Fotograf Bernhard Strauss (Jahrgang 1966) hier zuletzt beim Besuch seines Künstlerfreundes auf der griechischen Insel machte: Der Himmel über Sellia ist von Stromleitungen durchzogen.

Als feine schwarze Linien, verspannt an einzelnen Pfosten oder Haken an den Fassaden, mäandern sie hier über Dächer und Gassen und finden dann und wann auch auf die Leinwände in Sommers Atelier. In schnellen Strichen angedeutet, kreuzen sie die krakelige Silhouette einer orthodoxen Kirche in der Mittagssonne, mutieren zur Kontur einer Flasche, einer Frucht, wuchern im zerzausten Porträt des vollbärtigen Dorfpopen fort oder ordnen sich flüchtig zu wackligen Gitterrastern, die wie Zaunfragmente in die atmosphärischen Bildräume dieser schwebenden Landschaften ragen.

Seit 2014 verbringt Dirk Sommer mehrere Monate des Jahres in seinem Haus in Sellia an der kretischen Südküste. Gut 500 Einwohner leben in dem abgeschiedenen Dorf, umringt von Olivenbäumen. Zweimal am Tag quält sich der Bus aus Rethymno die Hauptstraße entlang, unter der in einiger Entfernung das Meer in der Sonne glitzert. Vor gut drei Jahren begann Sommer, seine Aufenthalte in dieser Idylle am äußersten Rand Europas in schriftlichen und malerischen Notizen auf Papier und Leinwand festzuhalten.

Eine Auswahl dieser Arbeiten und lakonischen Texte versammelt der kürzlich erschienene Bildband "Sellia", der nun zugleich Anlass ist für zwei konzentrierte Ausstellungen in der Staufener Galerie K sowie in den Räumen des Freiburger modo-Verlags. In beiden Schauen treten die flirrenden, leichthändigen Kreta-Impressionen des 64-Jährigen in einen intimen Dialog mit dem neugierig durch das Dorf streunenden Blick der Kamera von Bernhard Strauss. Es ist eine Begegnung zwei denkbar unterschiedlicher Sichtweisen – die eine der unmittelbaren Gegenwart des Sehens verpflichtet, nahe dran an der akuten Erfahrung von Licht und Landschaft, immer bereit zum Drücken des Auslösers; die andere ausgehend vom Einprägen und Erinnern, dem Sedimentieren der Eindrücke, um sie irgendwann wieder herauszulösen aus den Windungen des visuellen und emotionalen Gedächtnisses und auf die Leinwand zu bringen.

Wo Dirk Sommer auf seinen Papierarbeiten zwischen disparaten Farbfeldern, wilden Topographien und der schlafwandlerischen Handschrift seines von entspannter Anwesenheit gesättigten Strichs der Imagination oft viel Raum lässt, interessiert sich Strauss für die Gegenwart der in der sichtbaren Wirklichkeit versteckten Bilder. Da ringelt sich dann neben einem Salbeibusch grundlos wie eine gedankenverlorene Skizze ein grüner Gartenschlauch die Mauer hinab und im abgeknickten Türspiegel eines ramponierten Familien-Vans spiegelt sich der karge Bergrücken, der auf einer anderen Aufnahme die dunkle Kulisse für die bühnenartig ausgeleuchtete Ansicht des Dorf-Supermarktes bei Dämmerung liefert.

Die Wirkung dieses künstlerischen Zwiegesprächs zwei so unterschiedlicher Beobachter ist erstaunlich: Man könnte Urlaub machen zwischen diesen Bildern, die ein ganzes Dorf im Kunstraum zum Leben erwecken.

Dirk Sommer & Bernhard Strauss: Sellia, Galerie K – Haus der modernen Kunst, Ballrechter Str.19, Staufen-Grunern. Bis 19. Mai, Do bis So 15–18 Uhr. Und: modo Verlag, Terlaner Str. 8, Freiburg. Bis 17. Mai, Mo bis Do 10–16.30 Uhr, Fr 10–13 Uhr.
Dirk Sommer: Sellia. Notizen – Zeichnungen – Malerei. Mit einem Insert von Bernhard Strauss. modo Verlag, Freiburg 2019. 144 plus 16 Seiten, 28 Euro.