Nachdenken über die großen Zukunftsfragen

Nils Erich

Von Nils Erich (epd)

Mi, 14. August 2019

Kunst

Mit dem neuen Museum "Futurium" im Berliner Regierungsviertel will sich Deutschland als Innovationsort präsentieren.

So sieht also die Zukunft aus? Eine Wahlkabine mit Bildschirm und Kamera. Wer hinein lächelt, bekommt in Sekundenschnelle von einem Computer mitgeteilt, bei welcher politischen Partei sie oder er bei der nächsten Wahl vermutlich das Kreuzchen macht. Dabei liest der Computer mit Künstlicher Intelligenz politische Vorlieben allein aus den Gesichtszügen der "Wähler" heraus. Die Trefferquote ist erstaunlich hoch. "Smile to Vote" heißt das Projekt: Lächle, um zu wählen!

Die Wahlkabine der Zukunft steht nicht irgendwo, sondern mitten im Berliner Regierungsviertel. Dort eröffnet Bundeskanzlerin Angela Merkel am 5. September das "Futurium". Das Haus – eine Mischung aus Museum, Experimentierwerkstatt und Bildungsort – will dann hinter riesigen Glasfassaden auf gut 5000 Quadratmetern zeigen, wie die Zukunft der Menschheit aussehen könnte. Themen wie Gentechnik, Digitalisierung oder gesellschaftliche Innovationen wie Sharing Economy sollen greifbar vermittelt werden. Mit Exponaten, interaktiven Spielen und großflächigen Installationen. Der Eintritt ist den Angaben zufolge bis Ende 2022 frei für alle. Auf 200 000 Besucher jährlich hoffen die Macher.

Doch wie stellt man die Zukunft aus, wo sie doch unvorhersehbar ist? "Wir zeigen Bausteine für die Zukunft, die es heute schon gibt", erklärt Kuratorin Gabriele Zipf. Sie hat die Ausstellung im "Futurium" konzipiert. Gezeigt werden hier zum Beispiel neue Baustoffe, die künftig Beton ersetzen könnten. "Wie können wir die großen Zukunftsfragen bewältigen?" Darum gehe es im "Futurium", sagt Zipf. Zukunftsfragen sind auch die Probleme der Gegenwart: Klimawandel, Artensterben, soziale Ungleichheit. Oder die Knappheit an Sand, der für Beton und damit zum Bauen gebraucht wird. Alles Themen, die im "Futurium" Platz finden sollen.

"Zukunft ist gestaltbar. Damit kommt uns als Gesellschaft eine große Verantwortung zu", betont der Direktor des "Futuriums", Stefan Brandt. In dem neuen Museum gehe es also "um verantwortungsvolle und nachhaltige Zukunftsgestaltung".

Das neue Haus steht nach den Worten seines Chefs auf drei Programmsäulen: Neben dem Ausstellungsteil gebe es ein breites Veranstaltungsprogramm mit Raum für Workshops und Debatten. Den dritten Bereich soll eine "Zukunftswerkstatt", bilden, wo Museumsbesucher etwa mit CNC-Fräsen und Lasern experimentieren und neuen Erfindungen beim Entstehen zuschauen können. So sollen sich Besucher für eine zukunftsgewandte Gesellschaft faszinieren lassen.

Das futuristisch aussehende Museumsgebäude des "Futuriums" liegt in Sichtweite von Bundestag und Kanzleramt an der Spree. Mit Blockheizkraftwerk, Solarthermie und Photovoltaik decke das Haus seinen Energiebedarf und produziere sogar einen Überschuss, berichtet Nicole Schneider, Geschäftsführerin der Futurium gGmbH. 65 Millionen Euro habe das "Gefäß" gekostet, wie das Architektenbüro Richter Musikowski sein Erstlingswerk nennt. Ein Gefäß, in dem die Zukunft immer wieder neue Formen annehmen könne.

Das Budget von 18 Millionen Euro jährlich wird zum Großteil vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gestellt. Zu den übrigen Gesellschaftern zählen Deutschlands große Wissenschaftsorganisationen wie die Humboldt-Stiftung, der Deutsche Akademische Austauschdienst, die Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina, die Deutsche Akademie der Technikwissenschaften, die Fraunhofer-Gesellschaft, die Helmholtz-Gemeinschaft, die Max-Planck-Gesellschaft und die Wissenschaftsgemeinschaft Gottfried Wilhelm Leibniz.

Laut Gesellschaftervertrag ist es Ziel des "Futuriums", Deutschland als Innovationsort zu stärken. So gehören auch deutsche Konzerne und Unternehmen wie BASF, Bayer, Boehringer Ingelheim, Siemens und Infineon sowie die Deutsche Telekom Stiftung zum Gesellschafterkreis und Aufsichtsrat des "Futuriums". Kritiker spekulierten deshalb bereits vor der Eröffnung, die Wirtschaft werde das "Futurium" zur Imagepflege nutzen. Darauf angesprochen, entgegnet Direktor Brandt, das "Futurium" sei in seiner programmatischen Ausrichtung vollständig unabhängig von seinen Gesellschaftern.

Doch das Problem des "Futuriums" könnte letztlich darin liegen, dass die Risiken der Zukunft dort zu kurz kommen. Probleme, die sich aus Innovationen ergeben könnten, werden selten angesprochen. Und wenn, dann eher da, wo es heute schon Bedenken gibt; wie bei Gentechnik oder Künstlicher Intelligenz. Zumindest in diesem Aspekt bleibt das "Futurium" eher konventionell als zukunftsweisend.

Futurium, Alexanderufer 2, Berlin, ab 6. 9. Mo-Mi, Fr-So 10-18 Uhr, Do 10-20 Uhr.