Schnürsenkel zu verleihen, Einzelstück

Savera Kang

Von Savera Kang

So, 16. Juni 2019

Südwest

Der Sonntag Die Art Basel zeigt noch heute in den Messehallen, davor und in der Altstadt Kunst – zum Betrachten und Kaufen, aber auch zum Erleben.

Savera Kang
Oh, schön!", entfährt es einer Besucherin, als sie in die beiden Lampen blickt, aus denen Anthony McCalls "Split Second" (2018) im Grunde besteht. Den dunklen Raum, der ihnen bei der "Art Unlimited" in diesem Jahr gegeben ist, erhellen sie nicht wirklich – sie schaffen einen eigenen, nicht greifbaren Lichtraum, den viele Besucher zaghaft betreten oder sogar zu umgehen versuchen, als könne man das Kunstwerk stören. Dessen ganze Magie erfährt, wer sich im Licht exponiert und in seine Quelle blickt.

Zugegeben: Nicht alle Besucher werden derart angetan sein; nicht alle werden die nötige Zeit und Muße mitbringen für ein leises Werk wie dieses. Denn die Art Basel ist in erster Linie eine Messe für Fachpublikum. Sammler und Prominente, und Prominente, die sammeln, gäben sich die Klinke in die Hand, wenn die "Art" eine Tür hätte. So schwärmt denn auch ein – dem Akzent nach zu urteilen – US-Amerikaner von den "Mohnblumenfeldern neben der Fondation Beyeler", bei der er am Nachmittag wohl noch einem Empfang beiwohnen wird. "Das ist das Beste an der Art", sagt er zu seiner Kollegin. Kunst macht eben auch Arbeit.

Ein anderes "Highlight" – wirklich freuen will man sich nicht – der diesjährigen Unlimited ist Andrea Bowers’ "Open Secret" (2018). Schreiend rot zwar, aber auch hier liegt die Kraft nicht im Auftritt, sondern entfaltet sich in den Köpfen der Betrachtenden: Frauen und Männer bleiben stehen, beginnen zu lesen, setzen sich auf einen der Bürostühle, die für diesen Zweck bereitstehen, und schauen dabei allesamt bedrückt. Denn auf die roten Bahnen druckte die Künstlerin aus Los Angeles Vorwürfe, die im Zuge der internationalen Bewegungen gegen sexuellen Missbrauch öffentlich wurden.

"Das vielleicht politischste Werk" – so preist es eine Frau an, die eine Gruppe von Sammlern durch Halle 1.1 der Basler Messe führt – aber findet sich gleich am Eingang und ist verborgen. Man darf Abdulnasser Gharems "The Safe" (2019) betreten, alleine oder in Begleitung, und sogar mitgestalten – doch vorher ist Schlange stehen angesagt. Verraten sei schon mal: Die gepolsterte Gefängniszelle soll die Erinnerung an den noch immer ungesühnten Mord am saudi-arabischen Journalisten Jamal Khashoggi wachhalten.

Zu erwähnen wäre noch "Nirvana" (2019) von Xu Zhen aus Shanghai. Auf Kasino-Tischen lässt er junge Männer Mandalas aus glitzerndem Sand anfertigen. Doch statt des geometrischen Schaubilds eines gedachten buddhistischen Sakralbaus entstehen Spielflächen, die "kapitalistische Gier und Produktivität" symbolisieren sollen, wie es im Begleittext heißt.

Zum letzten und achten Mal kuratiert Gianni Jetzer den "Unlimited"-Sektor, im kommenden Jahr wird Giovanni Carmine den beim Publikum beliebtesten Teil der "Art" mitgestalten. Zuvor war Carmine Direktor der Kunst Halle St. Gallen – wie übrigens auch Jetzer zwischen 2001 und 2006. Maxa Zoller verlässt die "Art" ebenfalls – sie war seit 2014 für deren Filmsektor zuständig, nun leitet sie das Internationale Frauenfilmfestival Dortmund.

Auch auf der "Art" selbst, in Halle 2, wo die ausstellenden Galerien ihre Flächen haben – 290 aus 34 Ländern sind es insgesamt, in diesem Sektor 232, wie Art-Basel-Direktor Marc Spiegler auf der Pressekonferenz am Dienstag sagte –, stehen poetische Arbeiten neben politischen, Schreiendes neben Witzigem. Die Galerie "A Gentil Carioca" aus Rio de Janeiro zeigt Solarpaneele, die ein unfunktionales Gemälde sind, Dekoration respektive Wertanlage, alles, nur kein Sonnenkollektor. "Essex Street" aus New York zeigt auf einer Ausstellungsfläche – die aussieht, als sei die Einrichtung noch nicht eingetroffen – Cameron Rowland, der seine Readymades (Schnürsenkel oder einen Kinderwagen etwa) Sammlern nur zum Verleih anbietet. Damit bleiben sie nicht nur intellektuelles Eigentum des Künstlers, sondern er verfügt auch dauerhaft über deren finanziellen Wert – ein spannender Ansatz, wie Direktor Spiegler findet.

Und die erwähnten Promis? Hollywood-Stars wie Leonardo DiCaprio und Brad Pitt sollen Stammgäste sein, gesehen werden sie nur von wenigen. Ein neues Gesicht war die Sängerin Rihanna, die – Fotos sollen es beweisen – am Freitag durch die Hallen schlenderte. Oder doch eilte? So recht geben es die Hobby-Paparazzi-Bilder nicht preis. Offiziell und scheinbar ganz in Ruhe konnte Topmodel Alessandra Ambrosio am Dienstag den Stand eines Sponsoren, der Bank UBS, besuchen. Auch Eva und Adele – das deutsche Künstlerpaar, das stets durch Zwillingsgarderobe, kahle Köpfe und exzentrisches Make-up auffällt – scheuen das Blitzlichtgewitter nicht. Vielmehr ist ihr zuverlässiges Erscheinen auf der "Art" schon ein Happening.

Spannung liegt auch vor den Messehallen in der Luft: Durch den eigens für die Performance aufgebauten Pavillon schlendern mehr als 60 Darsteller, heben die Arme in die Luft wie auf ein geheimes Kommando, wedeln damit, schlendern weiter, setzen sich vor Besucher und fangen irgendwann leise zu summen an. Als das Summen für alle deutlich hörbar ist, wähnt man sich in einem Bienennest. Irgendwann kuscheln sich die Performer in einer Ecke des temporären Baus aneinander, fixieren die Zuschauer mit ihren Blicken. Diese bleiben still, scheinen gerührt oder erstaunt. Vier Stunden dauert "Aggregate" von Alexandra Pirici aus Rumänien. Die letzte Aufführung findet heute zwischen 13 und 17 Uhr statt.

Wer ein weiteres Gratis-Kunsterlebnis mitnehmen möchte, bevor die Art heute um 19 Uhr schließt, läuft den "Parcours" ab. Der Rundgang führt durch die Großbasler Altstadt rund um den Münsterhügel und stellt vordergründig Skulpturen zur Schau. Der heimliche Star dieser von Samuel Leuenberger aus Birsfelden kuratierten Entdeckungstour jedoch sind die Orte, mit denen die gezeigte Kunst in Beziehung treten will. Etwa die Deutschritterkapelle, die derzeit eine Arbeit Mathis Altmanns beherbergt und einst eine – der Name sagt es schon – Kapelle war, bevor ein Architekturbüro einzog und ein seltenes Raumerlebnis schuf. Oder der versteckte Sportplatz unter dem Münster, direkt am Rhein, auf dem Matias Faldbakken eine Fliesenarbeit und eine Skulptur aus Ziegelsteinen zeigt. An jeder Station können Programme mit einer Karte aller Parcours-Orte mitgenommen werden. Es gibt viel zu entdecken, heute in Basel.