Technologie
Laufenburgerin hilft Blinden beim Wenden
Die Laufenburgerin Selina Przyjemski hat in ihrer Bachelor-Arbeit ein Instrument erfunden, dass Blinden im Schwimmbecken das Wenden erleichtert. Jetzt kann sie sogar den Siemens Excellence Award 2026 gewinnen.
Sa, 29. Nov 2025, 10:00 Uhr
Laufenburg
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Was tun, wenn man beim Schwimmen das Bahnende nicht sieht? Selina Przyjemski aus Laufenburg, Absolventin des Studiengangs Elektro- und Informationstechnik an der Hochschule für Technik und Umwelt Nordwestschweiz, findet die Lösung und gewinnt den Preis für die beste Bachelorarbeit. Außerdem ist sie für den renommierten Siemens Excellence Award 2026 nominiert. Das teilt die Fachhochschule in einer Pressemitteilung mit.
Schwimmen tut gut. Blinde und sehbehinderte Menschen schätzen diese Sportart, weil es ihre sensorische Wahrnehmung trainiert. Ihr größtes Problem: das Wenden. Blinde Schwimmerinnen und Schwimmer können nur sehr ungenau erahnen, wann genau der richtige Augenblick für eine Wende kommt. Geht das in die Hose, droht der Schwimmer, mit dem Kopf gegen die Beckenumrandung zu krachen. Meistens gibt daher eine Begleitperson deshalb das Signal zum Wenden. Barrierefreiheit geht anders, schreibt die Fachhochschule.
Kann Technik Barrieren abbauen?
"Das hört sich gut an", fand Bachelor-Studentin Selina Przyjemski aus Laufenburg. "Mich hat dieses Bachelor-Thema sofort angesprochen, erstens weil es sinnstiftend ist und zweitens, weil ich es cool finde, etwas komplett Neues von Grund auf zu entwickeln." Besonders reizvoll für die 25-Jährige: Das Vorhaben vereint gleich mehrere Bereiche der (Elektro-) Technik: Hardware, Software und Mechanik.
"Bis heute gibt es keine praxistauglichen technischen Hilfsmittel, die diesen Menschen ein selbstständiges Schwimmen ermöglichen", erklärt Professor Hanspeter Schmid, Dozent am Institut für Sensorik und Elektronik an der Hochschule für Technik und Umwelt FHNW. Technisch gesehen eine hochinteressante Aufgabe, die perfekt geeignet ist für eine Bachelor-Arbeit im Studiengang Elektro- und Informationstechnik.
Die Aufgabe ist technisch knifflig, räumt Schmid ein. Denn die Umgebung mit Wasser, schwierigen Lichtsituationen und Temperaturschwankungen stellt hohe Anforderungen an Elektrotechnik und Sensorik. Eine blinde Schwimmerin stellt sich für Tests zur Verfügung.
Beharrliche Suche
Wie lässt sich die Distanz der Schwimmerin zum Beckenende so präzise messen, dass der richtige Zeitpunkt zum Wenden erkannt wird? Diese Frage steht im Mittelpunkt der technischen Entwicklung. Nun führte Selina Przyjemski Tests im Schwimmbad Sissila in Sisseln/Schweiz durch. Möglichkeiten gibt es auf den ersten Blick viele: Ultraschall, Kameras, Künstliche Intelligenz, Radarsensoren oder die Distanzmessung über ein elektromagnetisches Feld.
"Nach gründlicher Prüfung erwies sich aber kein Konzept als tauglich", erinnert sich die Studentin. Die Kameralösung etwa scheiterte unter anderem an den starken Lichtreflexionen auf der Wasseroberfläche.
Selina Przyjemski recherchierte weiter, führt Gespräche mit Dozierenden, Mitstudierenden und sogar am Mittagstisch. Dann zeichnete sich eine Lösung ab. Das technische Herzstück ist eine neuartige Funktechnologie namens Ultra-Wide-Band (UWB). Sie wird zum Beispiel genutzt, um Objekte in Innenräumen zu orten, etwa Waren in einem Logistiklager.
Im Schwimmbad jedoch ist UWB völliges Neuland. Mit dieser Technik gelingt es Selina Przyjemski dennoch, den Abstand zwischen Schwimmerin und Beckenende exakt zu bestimmen.
So funktioniert es
Das Prinzip ist einfach nachvollziehbar: Am Kopf der Schwimmerin sitzt ein kleiner Sender, der sogenannte Initiator. An beiden Enden der Bahn ist je ein Empfänger auf einem Stativ aufgestellt – die Responder. Diese «unterhalten» sich per UWB-Funksignal mit dem Initiator. Das System misst die Zeit, die ein Signal vom Initiator zu den Respondern und zurück benötigt. Aus dieser Laufzeit errechnet es den exakten Abstand zum Beckenrand.
Damit die Schwimmerin weiß, wann sie wenden muss, übersetzt das System die Distanz in fühlbare Vibrationssignale. Bei einem Abstand von über fünf Metern sind es lange Vibrationsintervalle, zwischen zwei und fünf Metern werden sie kürzer und unter zwei Metern vibriert es durchgängig: ein eindeutiges Zeichen, dass es Zeit für die Wende ist.
"Das System ist sehr genau", sagt Przyjemski zufrieden. Es lässt sich auf 25- wie auch auf 50-Meter-Bahnen einsetzen. Auch eine Testschwimmerin ist vom Resultat überzeugt. "Das System gibt mir Autonomie und Sicherheit und ist erstaunlich leicht handzuhaben."
Selina Przyjemski hat das Setup speziell auf den Brust-Schwimmstil der Testschwimmerin zugeschnitten. Doch das System ist flexibel. Auch eine sportliche Rollwende ist möglich, erklärt Przyjemski. Es können sogar mehrere Geräte gleichzeitig im Einsatz sein, heißt es in der Mitteilung. "Die Anwendung eignet sich also nicht nur für einzelne Schwimmerinnen, sondern für unterschiedlichste Schwimmstile und Trainingsformen, vom gemütlichen Bahnenziehen zum leistungsorientierten Wettkampf", so Dozent Hanspeter Schmid.
Für ihre Thesis gewinnt Selina Przyjemski den mit 4000 Franken dotierten ersten Preis für die beste Bachelor-Arbeit, den die Hochschule für Technik und Umwelt FHNW und die Hochschule für Informatik FHNW einmal im Jahr gemeinsam vergeben. Die Laufenburgerin ist zudem für den Siemens Excellence Award 2026 nominiert.
Die 25-Jährige ist aus Laufenburg, hat 2025 an der Hochschule für Technik und Umwelt FHNW ihren Bachelor im Studiengang Elektro- und Informationstechnik erlangt. Davor besuchte sie in Deutschland das Technische Berufskolleg an den Gewerblichen Schulen Waldshut, gefolgt von einer verkürzten Lehre als Elektronikerin für Geräte und Systeme bei Endress+Hauser in Maulburg. Derzeit arbeitet sie als Hardware-Entwicklerin bei ABB Turgi.
BZ