Öko-Nischen

Leben zwischen Halmen und Blüten: Erste Erfahrungen mit dem Müllheimer Wiesenprojekt

Alexander Huber

Von Alexander Huber

Do, 09. September 2021 um 15:01 Uhr

Müllheim

Das Wiesenprojekt am Nordrand von Müllheim hat sich einem halben Jahr bereits ansehnlich entwickelt – es gibt jedoch auch Entwicklungen, die den Verantwortlichen nicht gefallen.

Im Frühjahr ist am Nordrand der Müllheimer Kernstadt ein Projekt angelaufen, bei dem auf einer Ausgleichsfläche eine möglichst ökologisch hochwertige Wiesenbewirtschaftung erprobt werden soll. Das Projekt war und ist mit einigen Unsicherheiten behaftet, doch nach rund einem halben Jahr ist sowohl optisch wie auch akustisch eine deutliche Veränderung auf dem Areal erkennbar. Für den Hügelheimer Wiesenexperten Johannes Weitzel, der das Projekt mit weiteren Mitstreitern betreut, ist das jedoch erst der Anfang eines längeren Weges.

Tritt man an einem sonnigen Tag an den Rand der Wiese am Salomon-Seligmann-Weg, hört man es schon zirpen und zischeln, es braucht nicht lange, um allerhand kleines Getier zwischen den Halmen zu entdecken; Schmetterlinge tanzen in beachtlicher Zahl über den teils schon recht hochgewachsenen Gräsern, in einigen Bereichen ziehen blühende Pflanzen auch in diesen Frühherbsttagen noch etliche Bienen und Hummeln an. Die von der Firma Baumkultur Pfefferer gestiftete Holzbeige, die als Totholzareal eine besonders wertvolle ökologische Nische bilden soll, ist schon ganz ordentlich eingewuchert. Eine Infotafel erläutert das Thema Totholz, eine weitere zum gesamten Wiesenprojekt ist geplant.

Wenn man den aktuellen Zustand mit den Bildern aus dem Frühjahr vergleicht, als das rund 4000 Quadratmeter große Areal eine relativ kurz gehaltene, weitgehend einheitlich grüne Fläche darstellte, ist der Unterschied unübersehbar. Zu erkennen ist jetzt auch schon die Drittel-Struktur, die für die Wiese vorgesehen ist: Ein Drittel soll gar nicht gemäht werden, eines zum Ende des Frühjahrs, eines zum Ende des Frühjahrs und im Herbst. Die Herbst-Mahd steht in nächster Zeit an.

Johannes Weitzel – der sich immer tiefer in die Wiesenthematik eingearbeitet hat und dennoch, wie er betont, stets neue Aspekte entdeckt – ist jedoch keiner, der sich von dem Erreichten so leicht zufriedenstellen lässt. Einige Entwicklungen auf dem Areal behagen ihm nicht so ganz. Da ist vor allem das Jakobskreuzkraut, das sich auch hier mit beachtlicher Geschwindigkeit verbreitet hat. Das Jakobskreuzkraut ist eine giftige, für Weidetiere gefährliche Pflanze. Zwar wird die Mahd der Wiese am Salomon-Seligmann-Weg nicht als Viehfutter verwendet, trotzdem wurmt Weitzel die Ausbreitung – denn eigentlich möchte er diese Pflanze hier nicht haben. Mehre Einsätze über den Sommer hinweg habe es deshalb bereits gegeben, berichtet er, bei denen das unerwünschte Kraut aus der Wiese gezogen wurde.

Weniger problematisch, aber als auch nicht ganz passend empfindet Weitzel das Auftreten von Pflanzen, die zumindest teilweise vermutlich durch die Aussaat von Dritten oder durch Übertrag aus der nahegelegenen Wohnbebauung in die Wiese gelangt sind. Der Wiesenexperte macht sich Sorgen, dass dadurch Pflanzen, vor allem bestimmte Gräser, die sich eigentlich im Zuge der natürlichen Entwicklung der Wiese ansiedeln sollten, nicht so richtig zum Zug kommen.

Bewirtschaftete Flächen mit hohem ökologischen Wert

Wobei der Begriff "natürlich" hier ohnehin nicht wortwörtlich zu verstehen ist. Weitzel betont, dass es bei diesem Wiesenprojekt nicht darum gehe, ein Areal einfach sich selbst zu überlassen. Er verweist darauf, dass vom Menschen bewirtschaftete Agrarflächen, vor allem Weiden, bis zum Siegeszug der industriell betriebenen Landwirtschaft etwa Mitte des 20. Jahrhunderts einen besonders hohen ökologischen Wert hatten. So war die Artenvielfalt in diesen Bereichen teilweise höher als in komplett unbewirtschafteten Arealen.

Wieweit sich diese Erkenntnisse von damals im heutigen Umfeld nutzen oder gar nachbilden lassen, ist eine der Fragen, der man mit dem Wiesenprojekt nachgehen will. Dabei stellen sich mancherlei Probleme: So war es früher kein Problem, die anfallende Mahd als Viehfutter loszuwerden. Heute, so Weitzel, ist die Entsorgung, wenn sie in größerem Stil erfolgen muss, eine echte Herausforderung.

Ein weiteres Handicap der heutigen Agrar-Landschaft: Großräumige Flächen, die wenig abwechslungsreich genutzt werden, zudem das zunehmende Verschwinden von Böschungen, Strauchreihen und Randstreifen im Zuge einer optimierten Flächennutzung. Der negative Effekt für die Umwelt: Die Abstände zwischen Ökonische werden für viele Tiere zu große – Bestände können sich nicht austauschen und degenerieren. Der große Wunsch der Verantwortlichen des Wiesenprojekts wie vieler Naturschützer überhaupt ist es daher, die Zahl solcher Öko-Inseln wieder steigern zu können und Populationswanderungen zu ermöglichen.