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Georg Gulde

Von Georg Gulde

Sa, 08. Juni 2019

Leichtathletik

"Unfair gegenüber ihren Gegnerinnen"

» Christina ObergfölI (37) von der LG Offenburg, zweimalige Olympiazweite im Speerwerfen (2008, 2012), die ihre sportliche Laufbahn 2016 beendete: "Es ist ein Thema, auf das sich nicht ganz einfach antworten lässt. Aus meiner Sicht sollten alle Athleten die gleichen Chancen in einem Wettkampf haben.

Deshalb bestraft man ja auch Athleten, die unlautere Mittel zu sich nehmen (dopen), weil sie die Leistungsfähigkeit auf unnatürliche Art und Weise steigern. Caster Semenya ist durch ihre belegte Intersexualität eine Athletin, die durch ihren erhöhten Testosteronwert quasi auf natürliche Weise "gedopt" ist. Ich kann vollends verstehen und nachvollziehen, dass Frau Semenya mit ihrem Körper und ihrer Leistungsfähigkeit Wettkämpfe bestreiten und ihr Können beweisen möchte. Gleichzeitig ist es jedoch ihren Gegnerinnen gegenüber unfair – beziehungsweise es ist unmöglich, sie zu besiegen. In meinen Augen spielt es da keine Rolle, in welcher Disziplin sie startet. Die Situation ist ja überall die oben geschilderte: Es kann so kein fairer Wettkampf ausgetragen werden. Vielleicht muss man in Zukunft über eine neue Kategorie " Intersexualität" nachdenken, so wie bei den Paralympics, bei denen auch in unterschiedlichen Kategorien gewertet wird."

"Ein Spagat, den man versuchen muss"

Carl Dohmann (29), in Freiburg lebender Geher, der 2018 in Berlin bei der Europameisterschaft den fünften Platz über 50 Kilometer belegte: "Es gibt keine einfachen Antworten bei diesem Thema. Wichtig ist, dass jeder und jede, biologisch gesehen, zumindest einigermaßen gleiche Chancen hat zu gewinnen. Es gibt zumindest berechtigte Zweifel, dass das der Fall ist, wenn Intersexuelle ohne weitere Regulierung bei den Frauen starten dürfen. Ob es zumutbar ist, Menschen zu zwingen, ihre Hormonwerte zu senken, traue ich mich nicht zu beurteilen.

Ich weiß nicht, wie ich an Caster Semenyas Stelle reagieren würde. Dass sie sich verletzt fühlt, kann ich verstehen. Ich denke, dass das auch daran liegt, dass die Öffentlichkeit und Teile der Sportpolitik sie in den Jahren nach ihrem WM-Sieg 2009 sehr unwürdig behandelt haben. Manche Gräben lassen sich jetzt nicht mehr zuschütten. Allerdings wäre es mir zu einfach, die kürzlich getroffenen Regeln zur Hormonsenkung einfach wieder zu kippen, zumal sie nur für bestimmte Strecken getroffen wurden. Das Argument, dass ein hoher Testosteron-Spiegel wie ein besonderes Talent einzustufen sei, möchte ich nicht unwidersprochen stehen lassen. Es ist letztlich die Frage, wie groß der Wettbewerbsvorteil ist. Und wenn er unverhältnismäßig hoch ist, muss es eine Regel geben, die dem entgegenwirkt, ohne dass einzelne Menschen in ihrer Würde verletzt werden. Das ist ein schwieriger Spagat, aber man muss ihn versuchen."