"Eine ruhige und freudvolle Ess-Atmosphäre schaffen"

Anita Rüffer

Von Anita Rüffer

Sa, 01. Juni 2019

Liebe & Familie

BZ-INTERVIEW mit der Pädagogikprofessorin Dorothee Gutknecht über die Herausforderungen, die Kita-Mahlzeiten mit sich bringen.

Über den "Bildungsort Mahlzeit" hat Anita Rüffer mit Dorothee Gutknecht gesprochen, die an der Evangelischen Hochschule Freiburg den Studiengang Pädagogik der Kindheit leitet.

BZ: Warum kann man von einem Bildungsort Mahlzeit sprechen?
Gutknecht: Es sind die Mahlzeiten, bei denen Kinder das übliche Nahrungsmittelspektrum ihrer Kultur kennenlernen und die Art und Weise, wie man isst: bei uns beispielsweise am Esstisch, anderswo am Boden. Kleine Kinder müssen zudem alle Bewegungsabläufe bei den Mahlzeiten erst erlernen – angefangen von den Kaubewegungen bis hin zum Umgang mit Löffel, Gabel und Messer. Höflichkeit und Benimm, das Tischgespräch, das anschließende Saubermachen – all dies bietet der Esstisch als Bildungsort.
BZ: Was ist bei der Gestaltung von Mahlzeiten in der Kita zu beachten?
Gutknecht: Die größte Herausforderung ist es, eine ruhige und freudvolle Ess-Atmosphäre zu schaffen und institutionelle Hektik zu vermeiden. Wenn die Mahlzeit unterbrochen wird durch abholende Eltern, Telefondienste und anderes, kann sich keine Ruhe einstellen. In der Kita sollte die Fachkraft mit am Tisch sitzen und auf einem Assistenztisch alles griffbereit halten, was erforderlich ist, auch den Lappen für ein umgekipptes Glas, damit sie nicht dauernd aufspringen muss. Für die Kinder ist der "transparente Tisch" wichtig, also die Verwendung durchsichtiger Schalen und Schüsseln, damit sie nicht aufstehen, um in die Schüsseln zu schauen. Der Umgang mit Schnell- und Langsam-Essern, mit Kindern, die schon sehr müde sind, ist eine Herausforderung für die Fachkräfte. Gleiches gilt für Kinder, die scheinbar ohne Grenze essen und für Kinder mit einem extrem wählerischen Essverhalten.
BZ: Sie prägten den Begriff "Ankerlebensmittel". Was bedeutet er?
Gutknecht: Eine neue Ess-Situation stellt für Kinder, die neu in die Kita kommen oder aus einem anderen Kulturkreis, eine große Herausforderung dar. Beim Start in den unvertrauten Alltag begegnen sie bei den Mahlzeiten einer Vielzahl an unbekannten Speisen. Wenn dem Kind behutsam, aber erfolglos, die verschiedenen Bestandteile einer Mahlzeit angeboten werden und es wiederholt nichts oder wenig isst, sollten im Essensangebot der Einrichtung sogenannte "Ankerlebensmittel" enthalten sein. Es handelt sich um Lebensmittel, die das Kind akzeptiert und die vorher mit den Eltern abgesprochen wurden wie Zwieback, Knäckebrot, Früchte. Die Fachkraft signalisiert damit: "Ich sehe, dass du Hunger hast und bemühe mich, dir etwas Geeignetes anzubieten, damit du dich hier wohlfühlen kannst." Die sensible Beantwortung des elementaren Grundbedürfnisses nach Nahrung und Sicherheit stützt auch die sich aufbauende Beziehung.

Dorothee Gutknecht leitet an der Evangelischen Hochschule Freiburg den Studiengang Pädagogik in der Kindheit. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Säuglings- und Kleinkindpädagogik, Spracherwerb, Inklusion, Gesundheit und Responsivitätsforschung.

Dorothee Gutknecht/Kariane Höhn: Essen in der Kinderkrippe. Achtsame und konkrete Gestaltungsmöglichkeiten. Herder, Freiburg 2017. 14,99 Euro.