Der Messias der Natur

Jürgen Schickinger

Von Jürgen Schickinger

Sa, 11. Juli 2020

Literatur & Vorträge

Lukas Jüligers Graphic Novel "Earthboi" greift große Themen auf: Umweltzerstörung und Manipulation im Netz /.

Earthboi ist der neue Heiland, der Messias der Nachhaltigkeit. "Er passte in die Zeit. In der die meisten Leute die Welt retten wollten, aber niemand wusste, wo man anfangen sollte", erklären seine Jünger. Earthboi nennen sie "seine Wurzeln". Wenn er mit ihnen spricht, meinen sie, seine Gedanken zu denken: "Seine Worte waren der Regen, der die Saat keimen ließ." Sie geht auf. Prächtig. Auch später, als Earthboi Videos und Botschaften über das Internet verbreitet: Abkehr von der Wachstumsbesessenheit, menschliches Leben "in fast vollkommener Symbiose mit der Natur". Millionen Follower schließen sich an. Selbst die Wissenschaft feiert ihn als "Wunderkind", weil er Erfindungen präsentiert, die Umweltzerstörung und Klimawandel Einhalt zu gebieten könnten. Das Time Magazin kürt ihn zu "Nature’s Own Youtuber". Ein Erfolg reiht sich an den nächsten. Doch Earth- bois Glanz hat verstörende, matte Stellen.

"Unfollow" ist Lukas Jüligers dritter, umfangreichster Comic und ein großer Wurf. Bereits in den beachtlichen Vorgängern "Vakuum" (2013) und der Edgar Allan Poe-Adaption "Berenice" (2018) ist der 32-jährige Künstler, der in Berlin lebt, grafisch und erzählerisch eigene Wege gegangen. Viele seiner Figuren, von japanischen Mangas beeinflusst, wirken zwischenweltlich: weder Mensch noch Alien. Die Kolorierung beschränkt sich auf fahle Farben. Die Motive sind statisch. Standbild folgt Standbild. Darüber und darunter fließt die Erzählung in kurzen Texten. Ihre Sprache ist ein bisschen naiv, ein bisschen poetisch. Sie schleicht so sanft, dass es unheilvoll anmutet, was sich bei "Unfollow" durch die Perspektive verstärkt: Die "Wurzeln" erzählen. Ihrem Erlöser huldigend, verleihen sie seiner Geschichte biblische Züge: "Wir sehen die zwei Tage, die folgten, als seine erste Reise an." Sie glauben zu wissen, wem sie begegnet sind: "Der Erde selbst, ihrem fleischgewordenen Sohn."

Earthboi ist so alt wie das Leben selbst. "Seine Erinnerungen begannen irgendwo im Kambrium." Nach dem Eintritt in die Welt der Menschen wächst er bei einer Pflegefamilie auf. Fast normal. Kraft spendet ihm allerdings, wenn er den Geruch verwesenden Fleisches schnüffelt. Er landet im Heim für verhaltensauffällige Kinder, die seine "Wurzeln" werden: die ersten Menschen, die er umpolt. Mit geklautem Laptop und Solarpaneel flieht er in den Wald. Seine Clips und Videos gehen viral. Nützliche Inhalte weichen Kultischem. Earthboi befeuert den Hype. Zunehmend tritt der Sohn der Natur messianisch auf, mit Tattos und Sonnenbrille. Die Gefolgschaft wächst. Er wird Top-Influencer. Der Siegeszug seiner Ideen scheint unaufhaltsam – wären da nicht der Titel "Unfollow" und der doppelbödige Erzählton.

Jüliger hält die Leser auf Distanz, aber nimmt sie gleichzeitig mit. Seine Kunst besteht darin, dass sie vage bleibt. Sie präsentiert keine Lösungen, weist niemandem konkrete Schuld zu: "Der Mensch hatte alle seine Systeme gebaut, um zu überleben und steckte jetzt darin fest. (…) Der Mensch hatte eine Pause verdient." Dennoch greift er zeitkritisch und zeitgeistig große Fragen auf: Beeinflussung versus Manipulation, Umweltzerstörung, das Wesen des Menschen, die Dynamik sozialer Prozesse. Spannend und leicht zu lesen, am Ende schwer zu verdauen. Earthbois Superstatus ist brüchig. In ihm kämpfen Übermensch und Mensch gegeneinander. Zwischendurch lebt er ausschweifend wie ein Star, begeht Ökosünden "für einen höheren Zweck." Zum Ausgang der Graphic Novel sei nur verraten: Earthboi verliebt sich in die Programmiererin Yu. Als Lebensquell löst ihr Duft den Geruch der Verwesung ab. "Wir wussten, dass wir handeln mussten", finden Earthbois "Wurzeln".

Lukas Jüliger: Unfollow. Reprodukt Verlag, Berlin 2020. 168 Seiten, 18 Euro.