Die Frage nach der Herkunft

dpa/bs

Von dpa & Bettina Schulte

Mi, 18. September 2019

Literatur & Vorträge

Drei Männer, drei Frauen und ein Favorit: Die Jury nominiert die sechs Finalisten für den Deutschen Buchpreis 2019.

Es gibt, so viel darf man sagen, einen Favoriten auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis, die gestern bekannt gegeben wurde. Der im bosnischen Visegrad geborene Schriftsteller Sasa Stanisic ist seit seinem Debütroman "Wie der Soldat das Grammofon reparierte", der 2006 bereits auf der Shortlist stand, eine Größe im deutschsprachigen Literaturbetrieb. Sein grandioser Roman "Vor dem Fest" erhielt 2014 den Preis der Leipziger Buchmesse. Nun steht Stanisics autobiographisches Buch "Herkunft" im Finale des vom Börsenverein der Deutschen Buchhandels mit 25 000 Euro dotierten Auszeichnung: Die Geschichte eines Kriegsflüchtlings aus dem ehemaligen Vielvölkerstaat Jugoslawien ist das Buch der Stunde in einem von Ausgrenzungsphantasien angeheizten gesellschaftlichen Klima.

Dagegen haben es die Mitwerber nicht leicht, auch wenn mit Norbert Scheuer und seinem Roman "Winterbienen" ein weiteres literarisches Schwergewicht auf der Liste zu finden ist: Auch der zurückgezogen in der Eifel lebende Autor, mit 67 der mit Abstand Älteste auf der Liste, war in Frankfurt wie auch in Leipzig mehrfach in der engeren Auswahl. Sein jüngstes Buch "Winterbienen" führt auf sehr eigenwillige Weise in die dunkelste Zeit der deutschen Geschichte. "Die Shortlist bietet sechs herausragende Romane, die formal und stilistisch und in ihrer Klangfarbe unterschiedlicher nicht sein könnten, und die doch ein großes Thema eint: In allen geht es um familiäre Zusammenhänge, um den Ort in der globalen Welt, von dem aus das eigene Dasein zu begreifen ist": So bewertet der Jurysprecher und Literaturkritiker Jörg Magenau die Auswahl. Interessant ist, dass drei Debütantinnen auf der gegenderten Shortlist gelandet sind: die Österreicherin Raphaela Edelbauer, deren Großeltern aus Waldkirch stammen, mit "Das flüssige Land", die 1992 in Gotha geborene Miku Sophie Kühmel mit "Kintsugi" – der Titel bezieht sich auf eine japanische Reparaturmethode für Keramik – und die 1972 in Halle geborene Journalistin und Fernsehautorin Jackie Thomae mit "Brüder". Hinzu kommt der bisher hierzulande gänzlich unbekannte österreichisch-ecuadorianische Autor Tonio Schachinger mit seinem offenbar deftigen Debütroman "Nicht wie ihr" über einen Profifußballer. Nicht auf die Liste hat es wider Erwarten die Huchelpreisträgerin Nora Bossong mit ihrem Roman "Schutzzone" (BZ vom 7. September) gebracht.

Mit dem Buchpreis zeichnet die Stiftung Buchkultur und Leseförderung des Börsenvereins seit 2005 den deutschsprachigen Roman des Jahres aus. Der Preisträger wird am 14. Oktober, dem Vorabend der Frankfurter Buchmesse, im Römer bekannt gegeben.