Die Geburtswehen unserer Gegenwart

Florian Kech

Von Florian Kech

Mi, 12. Juni 2019

Literatur & Vorträge

SACHBUCH: Der Historiker Frank Bösch beschreibt das Jahr 1979 anhand von zehn Ereignissen als eine Zeitenwende.

Wann eigentlich begann die Gegenwart? Wann wurde auf einmal alles so unfassbar unübersichtlich? Unter Historikern gibt es eine Art Konsens: Mit dem Fall der Mauer – oder spätestens zwei Jahre danach, als die übriggebliebenen Ruinen der Sowjetunion endgültig in sich zusammenfielen – endete das "kurze 20. Jahrhundert" (Eric Hobsbawm). Der Ost-West-Konflikt, der die Weltkarte vier Jahrzehnte lang in schöner schrecklicher Übersichtlichkeit schwarz-weiß färbte, war entschieden. Im Freudentaumel des Siegers wurde sogar das "Ende der Geschichte" (Francis Fukuyama) verkündet. Auch wenn diese berühmte Diagnose legendär scheiterte und das Rad der Geschichte sich weiterdrehte, herrschte doch weithin Einigkeit darüber, dass 1989 eine neue Zeitrechnung begann – unsere heutige.

Die These ist nicht neu, aber umfassend aufgearbeitet

Für Frank Bösch beginnt die "Welt von heute" bereits zehn Jahre früher. Der Historiker, Jahrgang 1969, kann sich auf namhafte Vordenker berufen und tut dies auch pflichtschuldig in der Einleitung. So glaubte bereits der Philosoph Peter Sloterdijk in 1979 "das Schlüsseldatum des 20. Jahrhunderts" zu erkennen und der Politikwissenschaftler Claus Leggewie das Gründungsjahr der multipolaren Weltordnung. Auch Wikileaks-Gründer Julian Assange bezeichnete 1979 einmal als "das Jahr Null unserer modernen Zeit". Die These ist also weder neu noch besonders originell, aber wohl noch nie wurde sie so umfassend erarbeitet wie in Böschs 500-seitigem Werk.

Sein Wendejahr charakterisiert Bösch, der als Professor für Europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts an der Universität Potsdam lehrt und das Zentrum für Zeithistorische Forschung leitet, anhand folgender zehn Schlüsselereignisse: 1. die iranische Revolution, 2. der Papstbesuch in Polen, 3. die Revolution in Nicaragua, 4. Chinas Aufstieg, 5. die Boat People aus Vietnam, 6. die sowjetische Intervention in Afghanistan, 7. der Durchbruch des Neoliberalismus mit Thatchers Wahlsieg und parallel die ökologische Gegenbewegung mit dem Startschuss der Grünen, 8. die zweite Ölkrise, 9. der Atomunfall von Harrisburg, 10. die neue Erinnerungskultur durch die TV-Serie "Holocaust". Er hätte noch viel mehr Ereignisse in seine Liste aufnehmen können, schreibt Bösch, zum Beispiel das Camp-David-Abkommen, den Nato-Doppelbeschluss oder die erste Weltklimakonferenz. Doch er habe sich bewusst auf solche beschränkt, "die bereits von den Zeitgenossen als Zäsuren wahrgenommen wurden".

Ob politischer Islam oder Flüchtlingswelle, Neoliberalismus oder Energiewende – all diese Wesenszüge unserer Zeit scheinen 1979 bereits auf. Solide, manchmal auch etwas trocken zeichnet Bösch seine ausgewählten Wendepunkte nach, mit jeweils besonderem Augenmerk auf die Rolle Deutschlands. Die zehn Kapitel stehen für sich. "Querverbindungen" zieht der Autor nur in der Einleitung oder im knapp zehnseitigen Epilog, wo er die isolierten Einzelerzählungen schließlich doch noch zum großen Historiendrama namens Zeitenwende zusammenfügt.

Früh im Buch weist der Autor daraufhin, dass 1979 nicht als "Superzäsur" fehlinterpretiert werden dürfe. Doch der Buchtitel suggeriert genau das. Und wenn Bösch ferner erklärt, er wolle lediglich an Studien anknüpfen, "die die Siebzigerjahre als Vorgeschichte grundlegender Herausforderungen der Gegenwart verstehen", so entlarvt er die Verdichtung auf ein einzelnes Jahr quasi selbst als populärwissenschaftliche Spielerei. Nicht die Geschichte verdichtet, sondern der um "Originalität bemühte" Historiker, wie Bösch in seiner Danksagung zugibt.

Das schmälert den Inhalt des Buches aber nicht, zumal Bösch die Schlüsselereignisse nicht mit Bedeutung überlädt, sondern jeweils in den historischen Kontext eingebettet. Was er rund um 1979 beschreibt, erscheint so weniger als Urknall der Gegenwart denn als sich hinziehende Geburtswehen einer neuen Zeit.

Es ist Frank Böschs Verdienst zu zeigen, dass die Unübersichtlichkeit, die uns so unvorbereitet traf, mindestens vierzig Jahre weit zurückreicht. Dass es zum Teil frappierende Parallelen zwischen damals und heute gibt, wie die anfängliche und von der CDU vorangetriebene Hilfsbereitschaft nach der Ankunft der ersten vietnamesischen Flüchtlinge, die später in Vorurteile und Fremdenangst umschlug. Ein Aspekt der Gegenwart kommt in dem Buch allerdings zu kurz: die Renaissance des Nationalismus und die Rückkehr zu protektionistischen Wirtschaftspraktiken. So gesehen ist Böschs "Welt von heute" in Teilen bereits wieder von gestern.

Frank Bösch: Zeitenwende 1979. C. H. Beck Verlag, München 2019. 512 Seiten, 28 Euro.