Sachbuch

Masha Gessens Russland-Buch "Die Zukunft ist Geschichte"

Dietmar Ostermann

Von Dietmar Ostermann

Mo, 11. März 2019 um 20:18 Uhr

Literatur & Vorträge

Im Reich des Homo Sovieticus :Die Autorin Masha Gessen erzählt sieben Lebensgeschichten und die Geschichte ihrer russischen Heimat, aus der sie zwei Mal emigrierte.

Vielleicht waren die Erwartungen einfach zu hoch. In der kommenden Woche erhält die russisch-amerikanische Autorin Masha Gessen den renommierten Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung. Und das für ein Buch, das den Anspruch erhebt, zu erzählen, wie Russland "wurde, was es heute ist". Da der Titel zudem "Die Zukunft ist Geschichte – wie Russland die Freiheit gewann und verlor" lautet, hofft man auf ultimative Antworten. Darauf, dass, wer es liest, Russland endlich wirklich versteht.

Es fügt sich nicht zu einem schlüssigen Ganzen

Tatsächlich aber merkt der Leser schnell, dass er viele Bücher in Händen hält, die sich nicht schlüssig zu einem Ganzen fügen. Da sind zum einen die Schicksale von vier jungen Russen – Shanna, Mascha, Serjosha und Ljoscha – die alle in den 80er Jahren geboren werden, als die Sowjetunion sich mit der Perestroika unter Michail Gorbatschow öffnet und zugleich in ihr finales Stadium eintritt, den Zerfall des letzten Weltreichs. Die Vier wachsen in den Wirren der 90er Jahre auf, als Russland unter Boris Jelzin eine kurze Phase politischer Freiheit, aber auch sozialer Verwerfungen durchlebt. Und sie werden in der Putin-Ära erwachsen, als der Wohlstand steigt, aber das Land wieder zunehmend autoritärer wird. Wie die Autorin sind ihre vier Protagonisten letztlich an diesen Zuständen verzweifelt.

Gessen ist zwei Mal aus ihrer Heimat emigriert, 1981 als Kind mit ihren aschkenasisch-jüdischen Eltern, dann 2013 mit ihren eigenen Kindern. Dazwischen hat sie nach eigenem Bekunden als nach Moskau zurückgekehrte Journalistin für US-Medien zunächst begeistert vom Aufbruch zu Freiheit und Demokratie berichtet, dann aber 20 Jahre lang "den Tod einer russischen Demokratie dokumentiert, die nie wirklich lebensfähig geworden war".

Der Einsatz der Jungen für ein offeneres Russland

Warum Russlands Demokratie nie lebensfähig wurde, ist Thema des Buchs. Doch an den vier jungen Protagonisten ist diese nicht gescheitert: Shanna, Mascha, Serjosha und Ljoscha haben sich vielmehr teils unter erheblichen Risiken für ein anderes, ein offeneres Russland eingesetzt. Allerdings sind die vier Helden – wie die in den USA aufgewachsene Homosexuellen-Aktivistin Gessen selbst – Außenseiter: Shanna ist die Tochter von Boris Nemzow, einem prominenten Reformpolitiker, den Jelzin sogar als möglichen Nachfolger in die Regierung holt, bevor er sich 1999 für Putin entscheidet. 2015 wird Nemzow in Moskau erschossen, da ist er wie andere prowestliche Demokraten längst politisch bedeutungslos. Dass ihr Abstieg auch an den Reformern selbst lag, ahnt, wer Gessens eher unvorteilhaftes Bild von Nemzow liest: ein eitler Frauenheld, der anfangs volksnah ist, später aber Privilegien schätzen lernt und gern kräftig mit Oligarchenfreunden feiert.

Auch Serjosha stammt aus einer privilegierten Familie, sein Großvater Alexander Jakowlew war unter Gorbatschow Chefarchitekt der Perestroika und leitete später als Chef der Rehabilitierungskommission den vergeblichen Versuch, die Verbrechen der Stalin-Ära aufzuarbeiten. Ljoscha wiederum wird als schwuler Politologe im homophoben Russland angefeindet, Mascha für ihre Rolle bei den Massenprotesten rings um die Präsidentenwahl 2012 verurteilt.

Das Zusammenspiel von Unterdrückern und Unterdrückten

Eben weil aber alle vier der liberalen Minderheit angehören, entsteht weder das Porträt einer Generation, noch lässt sich an ihrem Lebensweg erzählen, welche Kräfte es sind, die Russland in eine andere Richtung lenken. Daher wohl führt Gessen zwei weitere Protagonisten ein: die Psychoanalytikerin Marina Arutjunjan und den Soziologen Lew Gudkow. Beide sind älter; ihre Aufgabe im Buch ist es, das Zusammenspiel von Unterdrückern und Unterdrückten zu analysieren, vor allem die Nachwirkungen der Sowjetzeit.

Das ist das zweite Buch, das sich in Gessens Werk versteckt. Hier wird deutlich, warum Russlands Zukunft tatsächlich viel mit seiner Geschichte zu tun hat: Wie sein Mentor, der große sowjetische Soziologe Juri Lewada, ist Gudkow zunächst überzeugt, dass der "Homo Sovieticus" (jener im Totalitarismus geformte und an die Zwänge der Unfreiheit angepasste Menschentyp) im neuen Russland aussterben wird. Doch er stellt – lange vor Putins Machtantritt – Mitte der 90er Jahre fest, dass sich die psychologischen Muster erhalten und reproduzieren. Dass etwa 1994 eine große Mehrheit den Zusammenbruch der Sowjetunion in einer Befragung bedauert, nimmt Putins späteres Urteil von der "größten Katastrophe des 20. Jahrhunderts" vorweg.

Das dritte Buch im Buch ist das vielleicht spannendste: Gessen spürt dem Aufstieg des Philosophen und "Eurasiers" Alexander Dugin nach, der heute gute Kontakte zum Kreml hat und als Vordenker einer neoimperialen, antiwestlichen Politik gilt. Dugins Großmutter war Dekanin der Parteihochschule, sein Vater beim KGB, er selbst aber hasste die Sowjetunion und war als junger Intellektueller der Moskauer Boheme auf der Suche nach einer geistigen Heimat. Die Frau, die er liebte, gründete nach der Trennung die erste Homosexuellen-Vereinigung der Sowjetunion, Dugin selbst "begab sich auf die Suche nach der Position, die in größtmöglichem Gegensatz zu allen anderen stand", schreibt Gessen. So wird er glühender Nationalist – und ist damit seiner Zeit weit voraus.

Masha Gessen: Die Zukunft ist Geschichte. Aus dem Englischen von Anselm Bühling. Suhrkamp Verlag, Berlin 2018. 640 Seiten, 26 Euro.