Organische Muskelspiele

René Zipperlen

Von René Zipperlen

Sa, 19. September 2020

Literatur & Vorträge

Die "Complete Works" der Star-Architektin Zaha Hadid.

In Weil am Rhein wissen sie, dass Architektur ein Pfund ist, mit dem man Enthusiasten aus aller Welt an die Ränder einer kleinen Stadt locken kann – sie wissen aber auch, dass sie mitunter seltsam riechen kann. An beidem hat die 2016 mit 65 Jahren verstorbene Zaha Hadid großen Anteil. Die irakisch-britische Studentin von Rem Koolhaas revolutionierte die Branche mit ihrem radikalen Denken und erhielt als erste Frau den Pritzker, den Nobelpreis der Architektur. Nach Gründung ihres Büros 1980 galten ihre futuristischen Entwürfe als sensationell, aber unbaubar. Bis Vitra-Chef Rolf Fehlbaum den Mut hatte, sie zu beauftragen: Die Feuerwache auf dem Weiler Firmencampus entstand als erster Hadid-Bau 1999. Auch wenn man über ihre Funktionalität unterschiedliche Ansichten hören konnte, ist sie bis heute ein Meilenstein der Wow-Architektur.

Nicht weit vom Vitra-Gelände befindet sich das ehemalige Gartenschaugelände, wo Hadid drei Jahre später ihre wie ein 140 Meter langes Reptil sich aus der Landschaft herausschlängelnde "Land- scape Formation One" realisierte, an der Stadt und Nutzer weit weniger Freude haben. Der Bau hat technische Probleme – wie die Entlüftung der Sanitärräume –, die kostspielig und teils so ungelöst sind wie die Frage nach der Verantwortung.

Beide frühe Bauten zeigen zentrale Prinzipien von Hadids vielfältigem Werk: Gewaltig und überraschend aus- und aufkragende Dächer, eine raffinierte Dynamisierung der Betonmassen, ineinandergreifende Raumvolumina, eine fast ab-strakte Lichtführung und eingefrorene Formbewegungen, die sich unmittelbar aus der Umgebung ableiten, ohne diese schlicht zu zitieren oder nachzubilden. Ach ja, und in der Regel sieht man ihren Gebäuden ihren Zweck nicht an.

All das zeigt opulent und dicht Philip Jodidios bei Taschen erschienene Werkausgabe, die Hadids Denken und Arbeiten sinnlich und im Detail nachvollziehbar macht. Denn nicht selten erschließen sich die Formideen erst in Kombination von Aufsicht und Bodenperspektive, wird erst im Innern klar, wie organisch sich die so futuristisch wirkenden Formen aus ihrer Umgebung ableiten und nicht einfach die narzisstischen Muskelspiele des Machbaren sind, als die sie in ihrer monumentalen Wucht oft wirken. Natürlich: Kaum ein Gebäude kann mit dem mithalten, was Architekturfotografie aus ihm macht, aber der voluminöse Band fächert mit den oft an Grafiken des Futurismo erinnernden abstrakten Flächen- und Linienentwürfen, mit Auf- und Querschnitten, Innenansichten und Umgängen die DNA der 42 realisierten Gebäude auf.

Vom Opernhaus Guangzhou über das Londoner Aquatic Center und die Bergiselschanze bis zum spektakulär aufschwingenden Kulturzentrum in Baku und dem WM-Fußballstadion in Katar ist Zaha Hadids Stil nicht nur fließender und organischer geworden – sie hat auch gezeigt, dass ihre Bauten nutzbar sind. Entwürfe, Ausstellungen, Installationen, Designobjekte vom Schuh bis zur Käsereibe runden den Band ab. Dass der einleitende Essay sich am besten mit der Lupe liest, muss man mit dem Humor nehmen, der die Grande Dame der zeitgenössischen Architektur auch ausgezeichnet hat.

Philip Jodidio: Zaha Hadid. Complete Works 1979-today. Taschen Verlag, Köln 2020. 672 Seiten, 50 Euro.